e

Mary Poppins Returns

Rob Marshall, USA, 2018o

s
vzurück

25 Jahre nach ihrem ersten Besuch bei der Londoner Familie Banks kehrt die wundersame Kinderfrau Mary Poppins in das grosse viktorianische Haus zurück. Die Familie hat es dringend nötig: Marys einstiger Schützling Michael wird nach dem Tod seiner Frau zwar von seiner Schwester Jane unterstützt, doch in der grossen Wirtschaftskrise droht ihm und seinen drei Kindern der Verlust des Hauses. Höchste Zeit also für einen neuen Auftritt von Mary und eine tüchtige Portion britische Unerschütterlichkeit, Heiterkeit und farbenfrohe Magie.

«Mary Poppins Returns» serves as a reminder that, for all its global scope and hegemonic ambition, Disney still has a little magic left up its sleeve.

Christopher Orr

Es muss Rob Marshall einigen Mut abverlangt haben, der legendären Mary Poppins einen zweiten Teil zu verpassen - aber sein Film hat den richtigen Geist. Das magische Kindermädchen kommt zurück, um den Banks-Kindern unter die Arme zu greifen, die inzwischen erwachsen sind und noch größere Probleme haben als einst ihr Vater. Die Lieder sind nicht so gut wie 1964, aber Emily Blunt ist eine erstaunlich würdige Nachfolgerin für Julie Andrews.

Susan Vahabzadeh

Ein Sequel nach 54 Jahren - ist das nicht wieder so eine blöde Hollywood-Idee? Keineswegs: «Mary Poppins Returns» ist auf eine herzige Art altmodisch und wird damit dem Original durchaus gerecht. Zudem erweist sich eine vielseitige Emily Blunt als würdige Nachfolgerin von Julie Andrews.

Gregor Schenker

Difficile, malgré quelques longueurs, de résister à une telle déferlante de chansons entraînantes et d’inventivité chorégraphique.

Isabelle Poitte

Galerieo

The Guardian, 22.11.2018

Von Emma Brockes

© Alle Rechte vorbehalten The Guardian. Zur Verfügung gestellt vom The Guardian Archiv
18.12.2018
Süßes für bittere Zeiten

Emily Blunt spielt in "Mary Poppins' Rückkehr" die Hauptrolle des titelgebenden Kindermädchens. Wie im Klassiker muss sie die Welt der Banks-Kinder in Ordnung bringen.

Von Susan Vahabzadeh

Mary Poppins kommt nur, wenn sie gebraucht wird. In den Büchern von P. L. Travers ist das öfter der Fall, im Kino aber ist sie nur ein einziges Mal in den Kirschbaumweg 17 geschwebt, so um 1910 herum. Mutter Banks war damals Suffragette, ihr Mann bei der Bank. George Banks muss weicher werden, dafür sorgt Mary. Inzwischen ist die Depression über London hereingebrochen, und die Banks-Kinder sind auf sich gestellt; nur sind sie keine Kinder mehr. So liegen die Dinge am Anfang von "Mary Poppins' Rückkehr": Michael (Ben Whishaw) ist ein junger Witwer mit drei kleinen Kindern, seine Schwester Jane (Emily Mortimer) engagiert sich in der Arbeiterbewegung. Michael ist Künstler und lebt im Haus der längst verstorbenen Eltern. Aber er hat die Hypothek nicht bezahlt, und wenn er bis Freitag kein Geld auftreibt, wird das Haus zwangsgeräumt.

Die zauberhafteste Nanny von allen hat gründliche Arbeit geleistet, sie hat zwei Träumer erzogen, die Bosheit und Härte wenig entgegenzusetzen haben. Der Bösewicht, den sie nicht einmal als solchen erkennen, ist der amtierende Bankdirektor (Colin Firth), der sich das Haus im Kirschbaumweg unter den Nagel reißen will. Alles könnte schrecklich enden. Aber wenn Mary Poppins wirklich gebraucht wird, dann kommt sie auch.

Der erste "Mary Poppins"-Film ist 54 Jahre alt, ein echter Klassiker. Die Mischung aus Realfilm und Zeichentrick, die P. L. Travers so gar nicht gefallen hat, erwies sich als unzerstörbar über die Jahrzehnte. Es erfordert natürlich trotzdem einigen Mut, eine solche Geschichte fortzusetzen. "Mary Poppins" gehört zu den Kronjuwelen im Disney-Archiv, und seit 1965 gab es immer wieder Versuche, diesen Erfolg fortzusetzen. Solange P. L. Travers lebte, war daran aber nicht zu denken. Jetzt, wo ihre Erben das ermöglichen, ist das immer noch schwierig. Nicht wegen der künstlichen Alt-Londoner Ästhetik, die hat Rob Marshall wenig verändert, auch wenn das mühselig war. Es gibt sehr wenig computergenerierte Bilder in diesem Film, Marshall ließt tatsächlich von Hand zeichnen und filmte die Schauspieler, wie sie an Seilen durch den Raum schweben.

Aber die Musik-Nummern sind keine Gassenhauer. Obwohl die Entsprechung zum Kaminkehrer Bert, den Lampenanzünder Jack, Lin-Manuel Miranda spielt - Miranda ist in den USA mit dem Broadway-Musical "Hamilton" zum Superstar geworden, in dem er spielte, sang und das er nebenher auch geschrieben hatte. Da geht Rob Marshall auf Nummer sicher: "Mary Poppins" ist eigentlich nicht mehr als eine Nummernrevue, die von einem idealistischen Rahmen zusammengehalten wird - der Rahmen der Erzählung ist die Rettung der Familie Banks, das Ringen um Träume und Emotionen, die Teil der Erziehung der Kinder werden soll.

"Mary Poppins' Rückkehr" macht das nun alles ganz genauso, der Rahmen ist jetzt die finanzielle Krise, und wieder muss Mary die Träume und die Gefühle davor bewahren, von materiellen Überlegungen hinweggespült zu werden. Was die Musiknummern angeht: Jede hat ihre Entsprechung. Onkel Alberts Auftritt von 1964 wird in einem Besuch bei Cousine Topsy gespiegelt, statt der Kamine kommen nun Straßenlampen zum Einsatz, man steigt in Porzellandekor statt, wie früher, in eine Zeichnung ein. Vielleicht sind die neuen Songs besser, als man beim ersten Hören meint - weil die alten jeder kennt. Jedes Kind kann "Chim-chimney chim-chimney chim chim cheree" summen. Die noch größere Herausforderung als die Musik ist aber eigentlich die Besetzung der "superkalifragilistisch expiallegorischen" Mary selbst. Und das ist wider Erwarten gut gegangen. Emily Blunt macht das großartig.

Emily Blunt ist perfekt für die Rolly der Mary Poppins

Sie ist ein wenig eitel und zickig und viel zu elegant für ein Kindermädchen, genau so, wie Mary Poppins sein muss. Aber sie ist doch ein bisschen anders als Julie Andrews, und daran muss es liegen, dass sie die perfekte Frau für diese Rolle ist. Blunts Mary wirkt ein wenig verschlagen, der Typ Gouvernante, der Väter zur Not einfach überlistet. Sie habe sich für eine Mischung aus Prinzessin Margaret und der frechen Journalistin aus "Sein Mädchen für besondere Fälle" von Howard Hawks entschieden, um Mary Poppins ihre eigene Note zu geben, sagt Emily Blunt.

Julie Andrews kommt im neuen Film nicht vor, aber Dick Van Dyke hat noch einmal einen Auftritt, nicht als der Kaminkehrer Bert, den er im alten Film spielte, sondern als alter Bankdirektor, die Rollen von dessen Vater hat er damals schon übernommen. Van Dyke ist inzwischen 93 Jahre alt - allein dieser Auftritt lässt einem das Herz aufgehen. Und dann ist da noch Meryl Streep als verrückte Cousine Topsy. Als Rob Marshall sie wegen der Rolle anrief, sagt er, habe sie geantwortet, diese "fragilen Zeiten" seien dafür genau richtig. Da ist was dran: Mary Poppins mag süßlich sein, aber wir leben in einer herben Ära, und "Mary Poppins" war immer schon Zucker gegen Bitterkeit.

P. L. Travers hat sich die magische Gouvernante Mary Poppins nicht ausgedacht, weil es ihr Spaß gemacht hat; sie tat es, weil sie selbst Mary Poppins brauchte. Sie verarbeitete in diesem Kinderbuch die Erinnerung an den eigenen Vater, der in einer Bank arbeitete und trank, weil er seine Träumerseele in sich begraben musste, und der starb, als sie sieben Jahre alt war. P. L. Travers hätte den neuen Michael bestimmt gemocht - sie hatte ein Herz für eine gewisse Neigung zur Funktionsuntüchtigkeit.

Der Zauber von Mary Poppins ist, dass sie schon irgendeine Ordnung herstellen wird, wenn die Dinge schiefgelaufen sind; es wird unter Umständen nicht die konventionelle Ordnung sein, aber jedenfalls eine Grundlage, mit der man weiterleben kann. "Mary Poppins' Rückkehr" hat das verinnerlicht - viel mehr kann man nicht verlangen. Es gibt, in diesen "fragilen Zeiten", ganz viel Sehnsucht nach einer Mary Poppins, die der Welt den Kopf zurechtrückt.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 12.12.2018
«Wir haben zu Recht Angst, unsere Kinder in diese Welt zu schicken»

Schauspielerin Emily Blunt will ihre Töchter zu mutigen Menschen machen. Ein Gespräch über gute Arbeit und Familie – das zuerst ganz anders verläuft, als geplant.

Von David Pfeifer

Ein wirklich schickes Hotel in New York, ein grosser Saal, in dem normalerweise Konferenzen stattfinden, darin sitzt alleine eine zierliche Frau. Emily Blunt ist auf die beste britische Weise zuvorkommend und lustig. Sie lacht viel und laut. Und sie errötet gelegentlich. Normalerweise sprechen Schauspieler am liebsten über ihre Arbeit und wollen keine privaten Fragen beantworten. In Blunts Fall ist es umgekehrt.

Emily Blunt: Schön, Sie kennenzulernen. Wie geht es Ihnen?

David Pfeifer: Gut. Vielleicht ein bisschen nervös.

Aber wieso denn nervös?

Weil es immer ein wenig seltsam ist, einen Menschen zu treffen, von dem man in kurzer Zeit so viele Filme gesehen hat.

Wie viele haben Sie denn gesehen?

So etwa acht.

Kürzlich erst?

In den vergangenen vier Tagen.

Sie haben Blunt-Binging gemacht! Welche haben Sie denn zuletzt gesehen?

«A Quiet Place» und «Girl on the Train».

Sie waren also in der Dunkelheit ...

Aber auch was fürs Herz: «Young Viktoria», einen Ihrer frühen Filme.

Ich liebe diesen Film!

«Der Teufel trägt Prada» – der lustiger ist. Und gerade habe ich Ausschnitte aus dem neuen «Mary Poppins» gezeigt bekommen, die gute Laune machen.

Nun verstehe ich, dass das seltsam sein muss, mir gegenüberzusitzen. Aber wissen Sie was: Es ist es umgekehrt auch seltsam, wenn ich mich in Filmen sehe.

Den Ausschnitten nach zu urteilen, spielen Sie eine andere Mary Poppins als Julie Andrews im Original.

Ich hatte den Film als Kind gesehen, aber vor den Dreharbeiten nicht mehr, gerade weil ich Julie Andrews nicht nachspielen wollte. Stattdessen habe ich mich in die Bücher versenkt und dort eine Version von Mary Poppins gefunden, die mir zugesagt hat und mit mir sprach.

Obwohl sich technisch einiges getan hat, scheint die neue Version genauso auszusehen wie die alte von 1964.

Die Rolle wollte ich frisch interpretieren, aber die Stimmung, die Musik, alles andere wirkt so, als würde es anschliessen. Aber eigentlich ist alles neu. Auch die Lieder, was gut für mich ist, weil man gegen Julie Andrews schon nicht anspielen sollte – auf jeden Fall sollte man aber nicht versuchen, gegen sie anzusingen.

Ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur John Krasinski, erzählt, er habe erwartet, dass Sie ein bisschen singen können, weil das zum Beruf gehört. Aber als er Sie dann gehört habe, sei das gewesen, als würde er feststellen, dass Sie fliegen können.

John ist sehr süss. Das sagt er nur, weil ich nie vor ihm singe. Ich singe in der Dusche und sehr gerne im Auto. Ich singe auch, wenn ich alleine im Haus bin. Vor Leuten zu singen, fand ich früher einfach peinlich.

Sie haben mit der Schauspielerei angefangen, weil Sie als Kind gestottert haben.

Ja, das liegt bei mir in der Familie, mein Grossvater, mein Onkel und mein Cousin stottern auch. Aber man kann das überwinden, und ich bin sehr dankbar, dass das bei mir geklappt hat. Auf diese Weise habe ich früh gelernt, dass Schwierigkeiten im Leben nicht unbedingt Leiden bedeuten, sondern eine Aufgabe sein können.

Wie kamen Sie dann auf die Bühne?

Ich habe in Schulaufführungen mitgemacht, weil das gegen das Stottern half. Aber ich wollte keine Schauspielerin werden. Ein Agent hat mich gesehen und mir nach einer Vorstellung gesagt, ich solle es auf jeden Fall versuchen. Besonders ernst habe ich das nicht genommen. Also bin ich zu den ersten Castings nicht mit der Einstellung gegangen, dass es das ist, was ich unbedingt machen will, was mich als Person definiert.

War das ein Kniff, um den Schmerz einer Zurückweisung kleinzuhalten?

Nein. Wirklich nicht. Ich war 18 Jahre alt und hatte einfach noch keine klare Vorstellung davon, was ich im Leben machen möchte. Film ist ja auch ein brutales Geschäft, so zerstörerisch. Und so persönlich.

Inwiefern persönlich?

Erst mal geht es andauernd darum, wie du aussiehst. Dann wird bewertet, wie du einen Charakter wahrnimmst und spielst, es wird also immer verhandelt, was für eine Person du bist, wie du dich und die Welt betrachtest. Deswegen gibt es auch so etwas wie professionelle Kritik nicht. Es ist immer persönlich.

Wenn jemand Ihre Performance kritisiert, kritisiert er auch Sie?

Ich würde es nicht so harsch ausdrücken. Aber wenn man kreativ arbeitet, ist man empfindlich. In meinem Beruf wird man obendrein noch so etwas wie öffentlicher Besitz. In anderen Berufen denken die Menschen ja nicht, dass sie das Recht haben, zu sezieren, was man tut. Aber bei meiner Arbeit gibt es eben viel Bewertung, und da hilft nur: Helm aufziehen und damit zurechtkommen. Das heisst aber nicht, dass ich nicht denke: Oh, das hat jetzt aber ein bisschen wehgetan.

Wann sind Sie denn zum letzten Mal hart kritisiert worden?

Ich weiss es nicht mehr, das passiert doch andauernd.

Wenn man im Pressearchiv nachliest, findet man quasi keine böse Kritik an Ihnen. Sogar bei Filmen wie «The Wolfman», der verrissen wurde, wird Ihre gute Arbeit herausgestrichen.

Emily Blunt lacht laut auf.

Also, ich habe keine schlechte Kritik gefunden.

Wirklich?

Okay, bei «Edge of Tomorrow» schrieb ein Kritiker, Sie hätten wohl nicht Ihr Bestes gegeben, weil Sie Tom Cruise auch so an die Wand gespielt hätten.

Das glaube ich Ihnen nicht.

Ihr Ehemann scheint auch ein Fan Ihrer Arbeit zu sein.

Gott sei Dank, oder?

Stimmt es, dass Sie ihn gefragt haben, ob Sie die Hauptrolle in «A Quiet Place» spielen dürften? In dem Film hat er Regie geführt und die männliche Hauptrolle selbst übernommen.

Wir haben immer darauf geachtet, nicht miteinander zu arbeiten, um uns nicht in die Quere zu kommen. Aber als ich das Drehbuch gelesen habe, fühlte ich eine Verbindung zu der Mutterfigur, ich wäre traurig gewesen, wenn jemand anderes sie gespielt hätte. Also habe ich John gefragt, ob es okay für ihn wäre, wenn ich sie spiele.

Ihr Mann hat gesagt, bei Dreharbeiten würde man in der ersten Reihe sitzen, während Sie Ihr Ding machen.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht, was Sie auf diese Frage für eine Antwort erwarten. Was soll ich denn dazu sagen?

Es könnte ja eine Berufskrankheit sein. Sie stehlen den Kollegen die Szenen.

Ja, ja, das habe ich wohl schon mal gehört.

Bei «Der Teufel trägt Prada» hatte ich schon vergessen, dass Anne Hathaway überhaupt mitspielt – und die ist immerhin Oscar-Preisträgerin.

Sie ist eine grossartige Schauspielerin.

Trotzdem stechen Sie heraus.

Sie sind wirklich zu nett.

Judi Dench hat über Sie gesagt, dass gleich bei Ihrem ersten Auftritt klar war, dass Sie haben, was man für diese Arbeit braucht.

Judi war so liebenswürdig zu mir. Ich war quasi noch ein Kind und ständig in Sorge, dass ich auffliegen würde, ich hatte keine Ausbildung, keine Erfahrung, keine irgendwie geartete Technik. Aber Judi hat nicht zugelassen, dass die Angst mich beherrscht, weil sie so umarmend war und freundlich. Sie hat mich jeden Abend in ihre Garderobe eingeladen, wo es Champagner gab und berühmte Menschen zu Gast waren. Dabei ist Judi so entspannt und nie zickig. Und obendrein schrecklich gut!

Andere Leute können Sie ganz gut loben.

Ja, es fällt mir nur schwer, etwas Gutes über mich zu sagen. Ich bin Engländerin!

Ich würde gerne von Ihnen wissen, ob es etwas ist, das Sie unbewusst tun. Oder ist es Absicht?

Sie wollen wissen ob ich absichtlich die Aufmerksamkeit auf mich ziehe?

Ja.

Lacht schon wieder.

Nein, das tue ich nicht.

Also unbewusst?

Es gibt wirklich keine Strategie. Ich versuche nur, meine Arbeit gut zu machen.

Und wie funktioniert das?

Tief eintauchen. Man muss versuchen, ihr Dilemma zu begreifen, die Situation und den Moment, in dem sie sich gerade befinden. Ausserdem höre ich viel zu.

Wem hören Sie zu?

Den anderen, die spielen. Weil es in einer Szene nie darum geht, was Sie sagen. Es geht um den Raum zwischen den Menschen, die dort stehen – nur dadurch entsteht etwas Besonderes. Wenn man sich da zu wichtig nimmt, zerstört man alles.

Wie verstehen Sie eine Figur wie die verzweifelte Trinkerin in «Girl on the Train»?

Nicht verurteilen, nicht mal eine Meinung haben, sondern nur verstehen. Warum tut sie, was sie tut? Warum tun alle Menschen, was sie tun?

Auch bei Figuren, die man nicht leiden kann?

Ob ich eine Figur mag oder nicht, darüber mache ich mir wirklich keine Gedanken. Meine einzige Sorge: Ist die Figur interessant, und kann ich sie begreifen? Sie muss mich persönlich interessieren, weil sie mich emotional viel kostet. Und ich möchte mit Menschen zusammenarbeiten, die ich gut finde, weil ich glaube, dass ich nur so gut sein kann wie die Leute, mit denen ich arbeite.

Wie arbeitet man zusammen in einem Film wie «A Quiet Place», wo quasi nicht gesprochen wird?

Da geht es nur noch um den Raum dazwischen. Deswegen wollte ich das ja auch unbedingt machen, das reizt mich am meisten. Weil das Unausgesprochene und Unaussprechbare am aufregendsten zu spielen ist. Clevere Dialoge sind gut und schön, aber die Stille ist spannender.

In einer der schrecklichsten Szenen in «A Quite Place» treten Sie als werdende Mutter, die gerade ihre Wehen bekommt, in einen Nagel und dürfen nicht schreien, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Man hält es beim Zusehen kaum aus. War es diese Szene, die Sie dazu bewogen hat, die Rolle unbedingt spielen zu wollen?

Genau. Aber ich war die ganze Zeit eingeschüchtert. Als die Szene schliesslich auf dem Plan stand, dachte ich, okay, da muss ich jetzt durch. Sechs Tage hat es am Ende gebraucht, um sie durchzubekommen. Und danach musste ich mich im Krankenhaus durchchecken lassen.

Warum?

Weil es so unglaublich erschöpfend war. John hatte mich gefragt, ob ich die Szene in verschiedenen Takes über den Dreh verteilt spielen wollte, aber ich fand es besser, das alles in einem hinter mich zu bringen. Es war hart.

Wie ändert sich dann die Stimmung bei Ihnen zu Hause, wenn Sie vom Horror zu «Mary Poppins» wechseln?

Oh, es ist ein grosses Spiel, so etwas wie «Mary Poppins» zu drehen. Sehr freudvoll und schön. Wir haben acht bis zehn Wochen geprobt, dann wurden Testaufnahmen gemacht. Dann vier Monate Dreharbeiten. So, wie früher Filme gemacht wurden, sich Zeit nehmen, einzelne Sachen immer wieder durchspielen, bis sie sitzen. Das ist auch anstrengend und fordernd. Eine so grosse Produktion ist eben eine riesige Verantwortung. Nach «A Quiet Place» hätte es keinen grösseren Gegensatz geben können. Das ist ja das Schöne an meinem Beruf.

Haben Sie das «Mary Poppins»-Original mittlerweile noch mal gesehen?

Ja, ich habe ihn vor Kurzem mit Hazel, meiner älteren Tochter, angesehen.

Wie hat sie reagiert?

Sie war verzaubert, die klebte förmlich am Bild. Sie ist der grösste Fan, jetzt habe ich nur Stress, ob sie meine Version auch mag.

Hat sich etwas an Ihrer Arbeit geändert, seitdem Sie zwei Töchter haben?

Oh ja, sehr. Ich bin so wählerisch mit dem geworden, was ich tue. Und auch wann ich es mache. Weil die Arbeitszeiten furchtbar sind. Man sitzt morgens sehr früh in der Maske und kommt abends spät nach Hause. Deswegen nehme ich zwischen den Dreharbeiten normalerweise lange Zeiten frei, bis zu sechs Monate, was ein grosser Luxus ist. Für die Dreharbeiten zu «Mary Poppins» sind wir alle für neun Monate nach London gezogen. Was besonders schön war, weil meine Familie dort lebt.

Sie siedeln also immer mit einem ganzen Treck um. Ist das nicht sehr viel Aufwand?

Ich will für die Kinder da sein, ansprechbar sein. Und diese zwei Lebewesen richtig mitbekommen. Wenn ich New York verlassen muss, kommen sie immer mit.

Machen Sie sich Sorgen um sie?

Wir leben in einer sehr zerbrechlichen Welt und haben zu Recht Angst, unsere Kinder in diese Welt zu schicken. Es sind gefährliche und gefährdete Zeiten, da macht man sich als Mutter oder Vater andauernd Sorgen. Ein Horrorfilm wie «A Quiet Place» ist zwar die vergrösserte Version dieser Sorgen. Aber die Sorgen sind immer da.

War Ihnen bewusst, wie viel Sorgen Sie in Ihr Leben holen, als Sie Kinder bekommen haben?

Sie ändern halt absolut alles. Man lernt eine ganz neue Art der Liebesfähigkeit kennen. Freude und Glück in einer anderen Dimension. Man lernt auch etwas über Selbstlosigkeit. Möglichst wache, mutige, glückliche Menschen aus ihnen zu machen ist eine grosse Verantwortung.

Wie versuchen Sie das zu erreichen?

Ich will alles hören, was sie zu sagen haben. Alles sehen, was sie machen.

Wird das nicht auch mal langweilig?

Nein – es wird nie langweilig. Ich habe ein glückliches, erfülltes Leben. Ich habe diese Arbeit und die Familie und ich darf Ambitionen entfalten. Ehrgeiz sollte ein positives Wort sein oder für Frauen als solches besetzt werden. Ich will zwei Mädchen grossziehen, die ehrgeizig sind, die Arbeit als gute Sache sehen. Die etwas erreichen wollen. Ich habe sehr viel bekommen im Leben, das will ich ihnen auch geben.

Dürfen Frauen heute immer noch nicht so ehrgeizig sein wie Männer?

Langsam kommen wir voran. Zurzeit mit mehr Druck. Aber es gibt ja auch Verhaltens- und Lernmuster, die ändern sich nicht von heute auf morgen. Dafür muss man schon eine Weile dranbleiben. Aber deswegen sind diese Zeiten so aufregend, weil wir Veränderung gerade nicht nur anstossen, sondern erleben dürfen.

Über was machen Sie sich dann Sorgen?

Wenn Sie Kinder bekommen, befinden Sie sich plötzlich in einem andauernden Zustand der Ablenkung. Weil Sie immer noch im Kopf behalten müssen, wo sie sind, wie es ihnen geht, ob sie sich nicht gerade verletzen. Und dann kann man sich auch noch ganz irrationale Sorgen machen, wenn mal Zeit bleiben sollte. Und das wird nie aufhören. Das ist mir mittlerweile auch klar geworden.

Man kann nur so glücklich sein wie das unglücklichste Kind?

Meine Mutter sagt das immer. Und es ist so wahr.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt vom Tages-Anzeiger Archiv
Le Temps, 17.12.2018

Von Antoine Duplan

© Alle Rechte vorbehalten Le Temps. Zur Verfügung gestellt vom Le Temps Archiv
Disney Featurette about the Sequel
NN / The Walt Disney Company
en / 18.12.2018 / 2‘12‘‘

Things Only Adults Notice In Mary Poppins
/ The List
en / 27.07.2018 / 8‘07‘‘

Emily Blunt est la nouvelle "Mary Poppins"
Yann Barthes / Le Quotidien
fr en fr / 10.12.2018 / 13‘56‘‘

Video Essay: How does Bert know Mary Poppins?
Isaac Carlson / Wotso Videos
en / 05.04.2017 / 5‘50‘‘

Video Essay: The Disney Remakes Problem
/ Saberspark
en / 30.11.2018 / 33‘25‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
Mary Poppins‘ Rückkehr DE
Le Retour de Mary Poppins FR
Genre
Musik/Tanz, Kinder/Familie, Fantasy
Länge
128 Min.
Originalsprache
Englisch
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Emily BluntMary Poppins
Lin-Manuel MirandaJack
Ben WhishawMichael Banks
MEHR>

Bonuso

iGefilmt
Disney Featurette about the Sequel
The Walt Disney Company, en , 2‘12‘‘
s
Things Only Adults Notice In Mary Poppins
The List, en , 8‘07‘‘
s
Emily Blunt est la nouvelle "Mary Poppins"
Le Quotidien, fr en, 13‘56‘‘
s
Video Essay: How does Bert know Mary Poppins?
Wotso Videos, en , 5‘50‘‘
s
Video Essay: The Disney Remakes Problem
Saberspark, en , 33‘25‘‘
s
gGeschrieben
Essay: Why we need a spoonful of sugar more than ever
The Guardian / Emma Brockes
s
Besprechung Süddeutsche Zeitung
Susan Vahabzadeh
s
Interview: Emily Blunt
Tages-Anzeiger / David Pfeifer
s
Besprechung Le Temps
Antoine Duplan
s
Wir verwenden Cookies, um Ihnen einen individuell angepassten Service zu bieten (Detailangaben hierzu in unserer Datenschutzerklärung.) Mit dem Weitersurfen auf cinefile.ch stimmen Sie unserer Cookie-Nutzung zu.