e

Garth Davis, GB, USA, Australien, 2016o

s
vzurück

Der fünfjährige Saroo ist aus Versehen in Kalkutta gestrandet und landet schließlich in einem Waisenhaus. Dort wird er von Sue und John Brierley adoptiert, die ihm ein liebevolles Zuhause in Australien schenken. Viele Jahre später führt Saroo in Melbourne ein äußerlich glückliches Leben, doch die Frage nach seiner Herkunft lässt ihn nicht los. Nacht für Nacht sucht er im Internet nach Hinweisen auf seinen früheren Wohnort und seine leibliche Familie, bis er schließlich auf die Karte eines Dorfes stößt, das seiner Erinnerung entspricht.

Ein junger Mann, zerrissen zwischen zwei Heimaten. Als kleiner Bub wurde er versehentlich von seiner Familie in Indien getrennt, landete in Kalkutta, kam ins Kinderheim, wurde von einem australischen Ehepaar adoptiert, er fängt ein Studium an, aber die Erinnerungen an die andere Mutter und den Bruder quälen ihn. Also macht er sich, Google hilf, auf die Suche. Dev Patel und Nicole Kidman sind ein schönes Paar im Film von Garth Davis.

Fritz Göttler

Indien ist von kontinentalem Ausmass – so gross, dass man sich selbst auf einer Karte kaum orientieren kann. Diese Erfahrung muss auch Saroo (Sunny Pawar) machen, als er sich mithilfe von Google Earth auf die Suche nach seinem Heimatdorf begibt. Als Kind schläft er eines Nachts in einem Zug ein, wacht in Kalkutta auf – hat alles verloren, seine Mutter, sein Zuhause. Er landet bei den australischen Pflegeeltern Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham), die sich seiner zwar rührend annehmen. Doch das Rätsel um die eigene Geschichte bleibt. Garth Davis' Film «Lion» erzählt diese wahre Geschichte mit viel Zugewandtheit und Anteilnahme, die jedoch mitunter in epische Sentimentalität zu kippen droht. Was bleibt, ist das herzenswarme Porträt eines Mannes, der mühevoll zu seinen eigenen Wurzel zurückfindet.

Björn Hayer

Davis’ Film [...] zerfällt in einen indischen und einen australischen Teil, wobei der australische durch Traum- und Albtraumbilder aus dem indischen verstörend, aber heilsam infiziert wird. [...] Und wenn es dramatisch so weit ist, haben wir erst einmal eine Geschichte ge­sehen, die das indische Elend heftig kolorierte, aber dennoch in Watte packte. [...] [A]lles schien einem in diesem Film einem übergeordneten Willen zu dienen: dem ständigen und starken Drücken, um nicht zu sagen Auspressen der Tränendrüsen. (Auszug)

Christoph Schneider

Ein in Australien aufgewachsener junger Mann erinnert sich seiner verdrängten Kindheit in einer Kleinstadt im Nordwesten Indiens, aus der ihn ein tragisches Schicksal zunächst in ein Waisenhaus in Kalkutta und von dort in die Obhut seiner Adoptiveltern geführt hat. Nach dem autobiografischen Roman von Saroo Brierley schildert der Film zunächst mit großer erzählerischer Wucht und emotionaler Kraft Herkunft und Trauma des Jungen, springt in der zweiten Hälfte dann aber in eine behütet-bürgerliche Welt als Background der detektivischen Spurensuche via Google Earth. Die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat entpuppt sich dabei als Suche nach der eigenen Identität.

N.N.

Ce balancement entre malheur et bonheur poursuit l'enfant devenu un homme et, à chaque époque, le portrait de Saroo convainc, grâce à deux acteurs inspirés. C'est l'essentiel.

Frédéric Strauss

Galerieo

The Guardian, 18.01.2017
Dev Patel excels in incredible postmodern odyssey

The true story of a foundling Indian boy who locates his mother years later via Google Maps is given the treatment it deserves in this intelligent, heartfelt film.

Von Peter Bradshaw

Everyone says that modern GPS and digital technology are wiping out jeopardy and making storytelling impossible. Well, that is very much not the case with Lion, the extraordinary true story of how a foundling Indian boy, estranged from his home village by the cruellest of fate and growing to adulthood far from home, used Google Maps to find his mother.

Screenwriter Luke Davies and first-time feature director Garth Davis (known before this for Jane Campion’s TV drama Top of the Lake) have responded to this incredible situation with a heartfelt film combining intelligent attention to detail with a necessary sense of their story’s simplicity and strength. Dev Patel brings his A-game to the leading role, newcomer Sunny Pawar is wonderful as his character’s younger self and Nicole Kidman gives a very decent performance as the adoptive mother.

Pawar plays Saroo, a little Indian kid who roams the streets with his brother; they get split up at the railway station as night falls; not knowing his way back, Saroo decides to get some sleep on a stationary train. He wakes up to find to his horror the train has started up and is now thousands of miles away in Calcutta, where he cannot speak the language and cannot remember the official grownup name for his village. He is placed with kindly adoptive parents in Tasmania (Kidman and David Wenham) but is haunted by the need to find his mother, and finally discovers that his laptop can help him.

This big-hearted film does full justice to the horror, the pathos and the drama of his postmodern odyssey.

© Alle Rechte vorbehalten The Guardian. Zur Verfügung gestellt vom The Guardian Archiv
23.02.2017
Traumhaft traumatisch

Dev Patel bewegt sich in „Lion“ zwischen zwei Familien und zwei Müttern – eine ist Nicole Kidman. Ein kleines Filmmelodram mit ziemlich modernen Ansichten.

Von Fritz Göttler

Es könnte ein aufregendes fantastisches Abenteuer sein, dieser lange leere Zug, Kilometer um Kilometer zieht er durch die weite Landschaft, manchmal blicken Menschen draußen hinein, wenn er durch kleine Stationen fährt. Ein großer Zug, den ein kleiner Junge ganz für sich allein hat, das erinnert an die Traumexpeditionen des Little Nemo von Winsor McCay. Aber in Wirklichkeit es ist ein Albtraum, denn der Zug bringt den kleinen Saroo immer weiter weg von seiner Heimat, und wenn er endlich hält, nach einigen Tagen Fahrt, sind es mehr als tausend Kilometer Entfernung – die große Stadt Kalkutta.

Der fünfjährige Saroo lebt mit Mutter, Bruder und Schwester im Distrikt Khwanda im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, aber all diese Namen sagen ihm natürlich noch nichts. Sein Bruder Guddu zieht jede Nacht los in die Stadt, wo er von den Güterzügen ein wenig Kohle klaut. Mit dem Geld, das er dafür bekommt, hält sich die Familie über Wasser. Saroo will immer mit, aber eines Nachts ist er in der Stadt dann einfach zu müde, Guddu zieht weiter und will ihn später abholen, Saroo soll im Bahnhof warten, er klettert in einen leeren Zug und schläft ein.

Eine wahre Geschichte, natürlich, es ist das Jahr 1986. Der kleine Saroo ist in Kalkutta verloren, er kann kein einziges Wort Bengali, das man dort spricht, und mit dem Namen, den er für seinen Heimatort angibt, weiß niemand etwas anzufangen. Er gerät unter Straßenkinder, wird von einer Frau aufgegabelt und fast zu zwielichtigen Praktiken missbraucht, landet schließlich im Waisenhaus. Schon ein Jahr später wird er dann nach Australien geschickt, das Ehepaar Sue und John Brierley hat ihn zur Adoption angefordert.

Dev Patel ist dann, zwanzig Jahre später, der Student Saroo. Patel wurde weltberühmt als Quizkandidat in Danny Boyles „Slumdog Millionär“ und in den „Best Exotic Marigold Hotel“-Filmen, und war nach diesen Filmen festgelegt auf beharrliche, auch verstörte Jungs.

In „Lion“ erscheint er nun erwachsen, durch lange Haare und schwarzen Bart, hat er seine Spitzbübigkeit verloren. Er studiert in Melbourne, mit seinen zwei Familien und zwei Heimaten, ausgerechnet Hotelmanagement. Ein Fremdsein steckt in ihm, das wieder zum Ausbruch kommt, als er bei Freunden an den Geschmack der indischen Süßigkeit Jalebi erinnert wird – ein gewissermaßen proustianischer Moment. Nun macht er sich an die Suche nach seiner Herkunft, nach seiner Mutter und seinem Bruder, sucht auf Google Earth nach Umrissen seines indischen Dorfes. Eine Vorstellung von Heimat ist das, die etwas Vages, reichlich Verschwommenes hat.

„Lion“ ist der erste Spielfilm des TV- und Werberegisseurs Garth Davis, gerade arbeitet er an seinem zweiten, über Maria Magdalena. „Lion“ ist ein Familienfilm, der durchaus seine sentimentalen Momente hat, aber sehr unsentimental, fast abstrakt die Gesetze der Familie studiert. Familiengefühle sind nicht biologisch begründet, sondern sozial konstruiert. Nicole Kidman spielt Sue, die australische Mutter, mit einer spießigen Achtzigerjahre-Frisur, aber mit unglaublich modernen Ansichten. Es herrscht eine schöne Gleichberechtigung in dieser Familie, ohne Abhängigkeit und autoritäre Strukturen. Kurz nach Saroo holt Sue noch einen zweiten Sohn aus Indien zur Adoption, der kommt mit dieser Freiheit nicht zurecht. Er will der Außenseiter bleiben, finster an seiner Unangepasstheit leiden. Saroos traumatische Such-Momente löst der Film dann doch traumhaft wieder auf. Mit Google Earth durch die Welt fliegen, sagt der richtige Saroo Brierley, nach dessen Erinnerungen der Film entstand, das ist, als wäre man Superman.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 22.09.2016
Ein Elend in Watte

Nicole Kidman spielt in «Lion» die Adoptivmutter eines Strassenkindes aus Indien, das später herausfinden will, wo es herkam.

Von Christoph Schneider

Der Film mit seinen feinen Möglichkeiten, sprunghaft zu sein, ist ja ein tolles Medium, um Figuren durch die Welt zu treiben: von einer Kultur in die andere und von dieser anderen wieder zurück in jene eine und durch die Labyrinthe dazwischen, in denen sich Seelen verirren können. Man lernt oft sehr viel, geografisch und psychologisch; man sieht Menschen sich verlieren und wie sie nach sich selber suchen und wie sie sich wiederfinden und dann erst sich selber wirklich erkennen, in den besten Fällen.

Der australische Spielfilm «Lion» von Garth Davis, mit dem gestern das 12. Zurich Film Festival eröffnet worden ist, öffnet uns grosszügig (und mit manch grosser Totale-Geste) zwei Welten – eine indische, eine australische und die Zeit- und Erinnerungsräume zwischen den beiden. Er handelt davon, wie diese Weltgewichte auf dem Jungen Saroo (Sunny Pawar) lasten, der eine Heimat verliert und eine andere gewinnt. Und wäre das nicht so gewesen, hätte er die Kindheit wahrscheinlich nicht überlebt, aber als junger Mann (Dev Patel) spürt ers einfach plötzlich, dass sein Lebensgefühl kein heimatliches Zentrum hat, sondern dort, wo es psychisch drauf ankäme, nur ein heimatloses Loch.

Davis’ Film – nach dem autobiografischen Bericht «A Long Way Home» des indischstämmigen Australiers Saroo Brierley (also «wahr», soweit Kino wahr sein kann) – zerfällt in einen indischen und einen australischen Teil, wobei der australische durch Traum- und Albtraumbilder aus dem indischen verstörend, aber heilsam infiziert wird.

Das Indische rumort in ihm

Dieser indische Teil erzählt vom fünfjährigen Saroo, den es – die Umstände sind etwas mysteriös, aber filmisch sehr anrührend – mutterseelenallein nach Kalkutta verschlägt aus der Tiefe der indischen Provinz. Dort im Gewühl, mit nichts als seinen Lumpen am Leib, ein Strassenkind unter Strassenkindern, helfen ihm eine früh ausgebildete Überlebensschläue und eine feine Witterung für Gefahren. Es wirkt in Saroo die Anpassungsfähigkeit des Kindes, und als die Brierleys, ein Ehepaar aus Tasmanien (Nicole Kidman und David Wenham), ihn schliesslich adoptieren, trägt er zwar noch das Bild seiner indischen Familie in sich, schickt sich aber in ein Leben, das Zukunft verspricht.

Und wenn es dramatisch so weit ist, haben wir erst einmal eine Geschichte ge­sehen, die das indische Elend heftig kolorierte, aber dennoch in Watte packte. Der Dreck hatte etwas fast Idyllisches und die immer drohende Gefahr quasi etwas Ungefährliches. Ausserdem war es grad so, wie der Dichter von der Armut im sentimentalen Film sagt: Das Hungertuch, an dem jemand nagte, sättigte doch ausreichend.

Der australische Teil deckt die zwanzig Jahre ab zwischen Saroos Ankunft und seinem plötzlichen (aber vermutlich eben immer nur verdrängten) Drang, zu wissen, woher er kam – denn Kalkutta, der offizielle Geburtsort, wars nicht, das sagen ihm seine Erinnerungsblitzlichter. In der Zeit wurde Google Earth erfunden, und der suchende Saroo, in dem nun das Indische sehr rumort, gerät in eine Art Recherchehysterie.

Es war in diesem Part des Films nun einerseits von erlebtem Lebensglück zu erzählen und andererseits von den Neurosen, die daraus entstanden, und Garth Davis erzählt es mit ausführlichster Melodramatik. Auch Saroos Adoptivmutter bekommt einen realen Leidenshintergrund (allerdings nimmt man Nicole Kidman eine Bodenständigkeit in Freud und Leid nicht recht ab – zu viel unmaskierbare Alabasterschönheit).

Indien und Australien fanden sich dann dank einer wahrhaftigen Erleuchtung. Im Übrigen war da auch eine junge Liebe, der man immer alles Gute wünschte. Und alles schien einem in diesem Film einem übergeordneten Willen zu dienen: dem ständigen und starken Drücken, um nicht zu sagen Auspressen der Tränendrüsen.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt vom Tages-Anzeiger Archiv
Neue Westfälische, 22.02.2017

Von Anke Groenewold

© Alle Rechte vorbehalten Neue Westfälische. Zur Verfügung gestellt vom Neue Westfälische Archiv
24.02.2017
Wie ein Junge nach 25 Jahren nach Hause fand

Saroo Brierley ist fünf Jahre alt, als er in Indien in einen Zug klettert und verschwindet. Es dauert ein Vierteljahrhundert, bis er seine Mutter wiedersieht. Die wahre Geschichte hinter dem oscarnominierten Film "Lion".

Von Verena Mayer

Die Geschichte beginnt ganz klein, mit einer Frau in Australien, die Sinn in ihr Leben bringen will. Sie beschließt, nicht schwanger zu werden, weil es in ihren Augen schon genug Menschen auf der Welt gibt. Stattdessen adoptierten sie und ihr Mann einen kleinen Jungen aus einem indischen Waisenhaus. Um einem Kind ein Leben zu ermöglichen, das es sonst nicht hätte, im Wohlstand und in einer intakten Familie. Und doch wird diese Geschichte einmal um die ganze Welt gehen, sie wird niemanden unberührt lassen, der sie hört, und aus dem adoptierten Jungen wird eine Art Sagenheld des globalen Zeitalters werden.

Der Junge heißt Saroo Brierley und ist heute 35 Jahre alt. Ein athletischer Mann mit kurzem schwarzen Haar, der in ein Berliner Hotelfoyer kommt, um Interviews zu geben und über den Film zu reden, der aus seinem Leben gemacht wurde. "Lion - der lange Weg nach Hause" heißt er, was allerdings eine große Untertreibung ist. Denn Brierley war kein Waisenkind, sondern er ist mit fünf auf einem Bahnhof verloren gegangen. Und dann brauchte er insgesamt 26 Jahre, bis er seine Familie und sein Zuhause wiederfand.

Doch bevor er beginnt, diese Geschichte zu erzählen, lässt sich Brierley erst mal in einen Sessel plumpsen und nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche. Er hat 24 Stunden Flug aus Australien hinter sich, wirkt aber erstaunlich frisch. Er sei das Reisen inzwischen gewohnt, sagt er, in den vergangenen Jahren hat er seine Geschichte in Australien, Asien und Amerika erzählt, und immer wieder passiert es ihm, dass er irgendwo ein Taxi nimmt, und der Fahrer sagt zu ihm: Sie sind doch der Junge, der versehentlich in einen Zug stieg und mehr als tausend Kilometer fuhr.

Ja, der Zug. Es sei ihm ein Rätsel, warum er damals in diesen Zug kletterte, sagt Brierley. Bis heute hat er allerdings diese Bilder im Kopf. Wie er auf dem Bahnhof der kleinen indischen Stadt saß, in der er mit seiner Mutter und drei Geschwistern lebte, vor ihm die Schienen und ein Wasserturm. Er war mit seinem großen Bruder unterwegs, der auf den Gleisen nach Kohlen und Essensresten suchte und ihm befohlen hatte, auf dem Bahnsteig zu warten. Als der Bruder nicht auftauchte, stieg Saroo in einen Schlafwagen, der auf dem Bahnhof stand. Irgendwann setzte sich der Zug in Bewegung, und das Nächste, was Brierley weiß, ist, dass er im 1600 Kilometer entfernten Kalkutta ankam und ganz allein auf sich gestellt war. Ein fünfjähriges Kind, das nur seinen Vornamen sagen konnte und den Namen des Slums, aus dem es stammte.

Brierley kann sich noch gut daran erinnern, wie er sich damals fühlte. Verloren, aber auch kämpferisch. Er suchte bei Straßenkindern oder in Tempelanlagen Zuflucht, stocherte auf der Müllkippe nach Dingen, die er essen oder verkaufen konnte, rannte in letzter Minute vor einem Mann davon, der ihn missbrauchen wollte. Irgendwann brachte ihn jemand in ein Waisenhaus, das über eine Zeitungsannonce seine Eltern suchen ließ. Als sich niemand meldete, wurde Saroo zur Adoption freigegeben und nach Australien vermittelt. Er kam zu einem Mittelschichtsehepaar, das etwas Sinnvolles tun wollte. Nach Saroo adoptierte es noch einen zweiten Jungen aus Indien.

Seine Adoptiveltern nennt Brierley immer nur "Mum und Dad". Wenn er über sie spricht, wird seine Stimme weich. Man merkt, wie viel ihm an dieser Familie liegt, bis heute arbeitet er im Betrieb der Brierleys, die in Tasmanien mit Bootszubehör handeln. Mum und Dad hätten in seiner Kindheit alles richtig gemacht, sagt Brierley. In seinem Zimmer hing eine Karte von Indien, an Regentagen saß er mit seiner Mutter zusammen und redete mit ihr über seine Vergangenheit und darüber, warum er anders aussah als die Kinder in der Nachbarschaft.

Alles, was Brierley hatte, waren die Bilder im Kopf

Die drängenden Fragen kamen erst, als er Mitte 20 und an der Uni war. Wo er auf indische Studenten traf, ihre Sprachen hörte, ihr Essen aß. Und er merkte, dass er das Rätsel seiner Herkunft lösen musste. Herausfinden, woher er kam, wo seine Familie war. "Man muss die Vergangenheit kennen, um in die Zukunft sehen zu können, sonst geht man verloren."

Im Gegensatz zu anderen Adoptivkindern hatte Brierley keine Unterlagen, er wusste nicht einmal, wann er geboren wurde und wie sein Nachname lautete. Alles, was er hatte, waren diese Bilder im Kopf. Vom Bahnhof, auf dem er in den Zug gestiegen war, von den Schienen und vom Wassertank davor. Brierley begann, im Internet zu recherchieren, welche Züge Mitte der Achtzigerjahre in Indien verkehrten. Er lud sich das Programm Google Earth herunter, eine Art virtuellen Globus, und drehte dort buchstäblich jeden Stein um. Zoomte Felder, Hügel und Flüsse im Umkreis von Kalkutta heran, scrollte sich durch Städte, Straßen, Häuserblöcke, Tempelanlagen, über Wochen und Monate. Mum und Dad habe er nichts davon erzählt, sagt Brierley, aus Angst, undankbar zu erscheinen.

Der Sinn oder Unsinn von Auslandsadoptionen

"Eine Obsession" nennt Brierley seine Suche. Er vernachlässigte sein Studium und seine Freunde, bis er eines Tages tatsächlich auf einem Satellitenbild im Internet den Bahnhof erkannte, die Schienen und den Wassertank. Und ein Viertel fand, das einen ähnlichen Namen trug wie der Slum aus seiner Erinnerung. 2012 setzte er sich ins Flugzeug und traf tatsächlich seine indische Familie wieder. Seine Mutter war all die Jahre nicht aus dem Slum weggezogen, weil sie fest daran glaubte, dass ihr Sohn eines Tages wiederkommen würde.

Ein globales Märchen mit einem Happy End, wie geschaffen für Bücher, Filme und Talkshows. Und doch wirft diese Geschichte immer mehr Fragen auf, je öfter man sie erzählt. Was das eigentlich für eine Welt ist, in der einerseits ein Kind nicht zu seinen Eltern zurückgebracht werden kann. Und in der sich andererseits ein Ort aufspüren lässt, von dem man nur ein paar Erinnerungen hat. Die Geschichte von Brierley ist zudem eine über den Sinn von Auslandsadoptionen. Darüber, was es für Kinder bedeutet, wenn sie in ein vollkommen anderes Umfeld verpflanzt werden, und wie sehr sie die Suche nach ihren Wurzeln quälen kann. Viele Länder in Asien und Afrika haben Adoptionen ins Ausland daher inzwischen stark eingeschränkt.

Saroo Brierley hat dazu eine ganz eindeutige Meinung: Er hofft, dass die Regierungen ihre "Politik der harten Herzen" beenden und die Grenzen wieder für Adoptiveltern aus dem Ausland öffnen. "Ich bin doch ein gutes Beispiel dafür, dass es über die Kontinente hinweg funktioniert." Er gibt aber zu, dass er eine Ausnahme ist, weil er im Wissen aufwuchs, dass er verloren gegangen war und seine Eltern ihn nicht weggegeben hatten - aus Armut oder Scham oder weil sie ein Kind nicht mehr wollten. So wie den indischen Jungen, den die Brierleys nach ihm aufnahmen. Saroos Adoptivbruder fasste in seinem neuen Leben nur schwer Fuß, er wurde in der Schule gemobbt, nahm Drogen.

Brierley fährt inzwischen regelmäßig nach Indien, seine beiden Familien kennen sich. Alle zwei Wochen telefoniert er mit seiner indischen Mutter und den Geschwistern. Nur seinen großen Bruder hat er nicht wiedergesehen. Er wurde von einem Zug überrollt, als er an den Gleisen nach dem fünfjährigen Saroo suchte. Bis heute verfolgt Brierley das schlechte Gewissen, dass er damals nicht auf seinen Bruder gewartet hatte.

Er guckt auf die Uhr, weitere Interviews stehen an, Auftritte auf dem roten Teppich. Mit dem globalen Hype habe er nicht gerechnet, sagt Brierley. "Meine Geschichte ist irre, aber sie ist nur eine Variation der Story jedes erfolgreichen Menschen: dass man Ambitionen hat, klein anfängt und etwas durchzieht." Oft werde er gefragt, ob er religiös sei und woran er glaube. Er verstehe das, weil sein Leben die Menschen im Innersten berühre, in ihrem Bedürfnis herauszufinden, woher man kommt. Aber er sei weder gläubig, noch habe er "eine besonders komplexe Persönlichkeit", sagt Brierley. "Ich will nur die Geschichte einer Person erzählen, die ihrem Schicksal entging, weil sie es in die Hand nahm." Selbst als Kleinkind auf den Straßen von Kalkutta habe er das Gefühl gehabt, Entscheidungen treffen zu können, die Wahl zu haben, da oder dorthin zu gehen, aufzustehen oder auf der Straße sitzen zu bleiben.

Aber eigentlich erzählt diese Geschichte von der Erinnerung. Wie man sie bewahrt und welche Kraft sie haben kann. Brierley hatte all die Jahre die Bilder seiner indischen Kindheit vor Augen. Den Ort, an dem er verloren ging, aber auch sein Haus, die Landschaft, in der er spielte, die Straßen, in denen er mit seinem Bruder unterwegs war. Er erinnerte sich an das Gesicht und die Worte seiner Mutter, an die Geschmäcker seiner Kindheit. Warum er so präzise Erinnerungen hat, kann er nicht sagen. Brierley glaubt, es habe damit zu tun, dass er als kleines Kind weder lesen noch schreiben konnte und sich auch nicht mit vielen Leuten unterhielt. Stattdessen habe er das, was ihn umgab, visuell wahrgenommen. Bilder, die er immer wieder abrief, abends beim Einschlafen und dann, wenn er sich einsam fühlte. Diese Erinnerungen hätten ihn schon getröstet, als er noch nicht einmal zu träumen wagte, wohin sie ihn eines Tages führen würden.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Documentary on Calcutta/Kolkata (3 parts)
Christopher Sykes / Channel 4
en / 31.03.2013 / 70‘49‘‘

Interview with Dev Patel
/ The Late Show with Stephen Colbert
en / 16.11.2016 / 5‘51‘‘

Interview with screenplay writer Luke Davies
/ Film Courage
en / 13.12.2016 / 18‘58‘‘

Discussing the soundtrack with Composer Dustin O’Halloran
Michael Coleman / soundworkscollection.com
en / 15.11.2016 / 17‘58‘‘

Interview with Dev Patel
Von Kristopher Tapley / Variety
en / 47‘11‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
Lion: Der lange Weg nach Hause DE
Genre
Drama
Länge
118 Min.
Originalsprachen
Englisch, Bengalisch, Hindi
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Dev PatelSaroo Brierley
Rooney MaraLucy
David WenhamJohn Brierley
MEHR>

Bonuso

iGefilmt
Documentary on Calcutta/Kolkata (3 parts)
Channel 4, en , 70‘49‘‘
s
Interview with Dev Patel
The Late Show with Stephen Colbert, en , 5‘51‘‘
s
Interview with screenplay writer Luke Davies
Film Courage, en , 18‘58‘‘
s
Discussing the soundtrack with Composer Dustin O’Halloran
soundworkscollection.com, en , 17‘58‘‘
s
gGeschrieben
Besprechung The Guardian
Peter Bradshaw
s
Besprechung Süddeutsche Zeitung
Fritz Göttler
s
Besprechung Tages-Anzeiger
Christoph Schneider
s
Besprechung Neue Westfälische
Anke Groenewold
s
Reportage über die wahre Geschichte hinter "Lion"
Süddeutsche Zeitung / Verena Mayer
s
hGesprochen
Interview with Dev Patel
Variety / en / 47‘11‘‘
s
Wir verwenden Cookies, um Ihnen einen individuell angepassten Service zu bieten (Detailangaben hierzu in unserer Datenschutzerklärung.) Mit dem Weitersurfen auf cinefile.ch stimmen Sie unserer Cookie-Nutzung zu.