r Compostelle
Yann Samuell, Frankreich, Belgien, 2026o
Die Lehrerin Fred und der rebellische Jugendliche Adam könnten unterschiedlicher kaum sein. Während die Lehrerin Fred an ihrem zunehmend wankenden, aber geordneten Leben festhält, versucht Adam seiner Vergangenheit aus Pflegeheimen, Schulverweisen und Jugendhaft zu entkommen. Ein Resozialisierungsprogramm führt die beiden gemeinsam auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Zwischen Streit, Schweigen und unerwarteten Wendungen werden sie gezwungen, sich ihren Problemen zu stellen.
Der Jakobsweg und kein Ende: Allein in den letzten zehn Jahren gab es ein Dutzend Spiel- und Dokumentarfilme über die berühmte Pilgerroute nach Santiago de Compostela. Das spirituell unterfütterte Wandern als Weg zu sich selbst boomt. Auch die französische Tragikomödie Compostelle funktioniert nach diesem Muster. Sie basiert auf dem Bericht des französischen Journalisten Bernard Olivier, der nach seiner Pensionierung eine Lebenskrise wandernd bewältigte und darauf einen Verein gründete, der straffällige Jugendliche der gleichen Therapie unterzieht: Die maximal 18jährigen Delinquent:innen erwandern handyfrei und einzelbetreut während drei Monaten die 2000 Kilometer von Zentralfrankreich über die Pyrenäen bis zum Grab des heiligen Jakob. In der Verfilmung von Yann Samuell kommt hinzu, dass auch die Betreuerin des jungen Tunichtguts Adam Busse tut: Die Lehrerin Fred ist nach dem Ohrfeigen einer Schülerin für ein halbes Jahr vom Schuldienst suspendiert – während ihr Schützling, Ehrensache, am Desinteresse seiner leiblichen Mutter leidet und Fred das umgekehrte Problem mit ihrer Tochter hat. Als Handlungsmotoren sind diese stereotyp gezeichneten Probleme schwach, das doppelte Wandern auf Bewährung verläuft deshalb nicht nur physisch, sondern auch psychologisch holprig. Adam benimmt sich bald wie ein trötzelndes Kleinkind, bald wie ein ungewöhnlich reifer Zwanzigjähriger – dem tatsächlichen Alter seines Darstellers Julien Le Berre entsprechend. Fred dafür belagert per Handy, erstaunlich frei von pädagogischem Gespür, ihren Ex. Das kleine Wunder von Compostelle ist, dass diese Schwächen dem Film wenig anhaben. Einerseits liegt das an der schieren Energie, mit der Alexandra Lamy als Fred ihre Figur und ihren Schützling über alle Klippen hinwegsteuert. Andrerseits tut auch uns Zuschauer:innen die erwanderte Landschaft gut. Weiss die Regie nicht weiter, setzt sie einfach eine Drohne ein und hebt ab zum Panoramaschwenk über Dörfer, Berge und Täler. Und die sind wirklich atemberaubend.
Andreas FurlerGalerieo
