Der Mann auf dem Kirchturm
Edwin Beeler, Schweiz, 2025o
Er ist der Kaminfeger des Dorfes, und als Dachdecker liebt er es, auf Kirchtürmen in schwindelerregender Höhe zu arbeiten. Für den Bub ist der Grossvater ein Glücksbringer und starker Mann. Er möchte ihm nacheifern und mehr über seine Herkunft erfahren. Doch Grossvaters Sturz vom Dach verändert alles.
Der neue Dokumentarfilm des Innerschweizers Edwin Beeler knüpft zunächst atmosphärisch an seinen letzten, Hexenkinder von 2020, an. Mit einer alten Fotografie dreier Männer beim Jassen führt er in eine Welt, in der Erinnerung und Legende ineinanderfliessen. Beeler, 68, spürt dem Leben seines Grossvaters nach – Kaminfeger in Oberägeri, Respektsperson, Handwerker und Vaterfigur. Über Fotografien, Erzählkommentar und Erinnerungen von Töchtern, Sohn und Zeitgenossen entsteht ein Bild von Arbeitsethos, Respekt und ländlicher Geborgenheit, das Beeler zugleich liebevoll und fragend betrachtet. Aber die in den Kindheitserinnerungen heile Welt des Dorfes zeigt allmählich Risse: In inszenierten Kindheitsszenen, über Archivmaterial und Interviews tastet sich Beeler an die dunkleren Seiten der Vergangenheit heran. Der Grossvater, einst stolz und beliebt, verliert nach einem Unfall seinen Halt und nimmt sich mit 80 Jahren das Leben – ein Thema, das Beeler mit stiller Empathie und dokumentarisch gebrochener Sentimentalität verhandelt. So wird der Film mehr als eine persönliche Spurensuche: Er porträtiert ein Stück Schweizer Alltagsgeschichte und die Verwandlung einer Gesellschaft, in der über Gefühle geschwiegen und Stärke als Pflicht verstanden wurde. Zwischen liebevoller Rekonstruktion und anthropologischer Genauigkeit findet Beeler den «Blick in die Seele» jener Generation, die nie über ihre Schmerzen sprach, und verleiht damit dem Unsagbaren eine leise, eindringliche Stimme.
Michael SennhauserGalerieo
