The Voice of Hind Rajab
Kaouther Ben Hania, Tunesien, Frankreich, 2025o
Am 29. Januar 2024 erreicht die freiwilligen Mitarbeiter:innen des Roten Halbmonds ein Notruf aus Gaza: Die sechsjährige Hind Rajab ist in einem Auto eingeschlossen, sie steht unter Beschuss und fleht um Hilfe. Die Helfer:innen versuchen, das Mädchen in der Leitung zu halten, und unternehmen gleichzeitig alles, um es zu retten.
Ist der Film, der bei der Uraufführung von Venedig viel zu reden gab, bevor er den Grossen Preis der Jury gewann, nur ein fragwürdiges Rührstück oder eine unverzichtbare Erinnerung an den Horror des israelisch-palästinensischen Konflikts? Jede:r wird das für sich entscheiden, doch die emotionale Wucht dieses Rückblicks auf einen Fall, der Anfang 2024 – live in den sozialen Netzwerken – für Aufsehen sorgte, ist unbestreitbar. Von einem Gefühl der Dringlichkeit getragen, erzählt die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania die tragische Geschichte von Hind Rajab, jenem 6-jährigen Mädchen aus Gaza, das in einem Auto eingeschlossen war, nachdem seine Familie durch israelische Schüsse ausgelöscht worden war. All dies wird aus der Perspektive der Freiwilligen des Roten Halbmonds in Ramallah gezeigt, die den Notruf des Mädchens entgegennehmen und alles daransetzen, einen Krankenwagen zu schicken – nachgespielt von Schauspieler:innen, jedoch unter Verwendung der echten Tonaufnahmen. Das Kino ermöglicht es so, dieses Rennen gegen die Zeit nahezu in Echtzeit nachzuerleben, ohne Voyeurismus (keine sichtbare Gewalt) oder politische Manipulation (die Fakten sind belegt). Dabei wird deutlich, wie erschütternd die Situation auch für die Männer und Frauen am anderen Ende der Leitung ist. Obwohl sie direkt nicht eingreifen können, müssen sie versuchen, das Kind zu beruhigen – trotz aller Hindernisse, die das israelische Militär einem solchen Rettungsversuch in den Weg stellt. Unangreifbar bis hin zu seinen bitteren Schlussbildern, hinterlässt der Film mit seinem hybriden Ansatz dennoch ein leises Unbehagen: als Dokudrama von unmissverständlichem Ernst (wie etwa September 5) lebt er (vergleichbar mit The Guilty) doch auch vom telefonischen Suspense.
Norbert Creutz
