I Love You, I Leave You
Moris Freiburghaus, Schweiz, 2025o
Der bipolare Schweizer Musiker Dino Brandão gerät nach einer Reise in das Heimatland seines angolanischen Vaters in eine manische Phase, die alle in seinem Umfeld an ihre Grenzen bringt. Sein Freund, der Regisseur Moris Freiburghaus, protokolliert mit der Kamera, was heisst, sich um einen manischen Menschen zu sorgen und kümmern. – Prämiert als bester Dokumentarfilm beim ZFF und bei der Schweizer Filmpreisverleihung.
Der genialische Höhenflug und die bodenlose Verzweiflung gehören zu den gängigen Klischees über kreative Köpfe: die Überspanntheit und der Absturz als Preis für die Begabung. Auch der Schweizer Musiker Dino Brandao ist einer dieser «Bipolaren» oder «Manisch-Depressiven». In den ersten Minuten von I Love You, I Leave You sehen wir den Sänger und Multinstrumentalisten hochinspiriert auf der Bühne, dann – teils gefilmt mit seiner eigenen Wackelkamera – bereits in bedenklichem Temporausch skatend durch die Heimatstadt seines angolanischen Vaters, schliesslich, ein paar Tage oder Wochen später in Zürich, wie er den nächsten manischen Schub mit Schlafentzug, Nikotin und Alkohol fast schon zu provozieren scheint. Dinos alarmierendes Verhalten rufen den Vater, telefonisch die Schwester und (mutmasslich) die Mutter sowie seinen Freund, den Filmregisseur Moris Freiburghaus, auf den Plan. Letztere dokumentiert elf Tag und Nächte lang, was es heisst, sich um einen manischen Menschen zu sorgen und kümmern. Alle Künstlerklischees gehen dabei in die Binsen; der einfallsreiche, aufgekratzte, liebenswerte Dino ist nur noch ein unglaublich anstrengender Mensch, der selbstherrliches Blech redet, Tag und Nach kauft, raucht, klaut, sich mit der Polizei anlegt, eingewiesen und mit Medikamenten ruhig gestellt wird, Terror macht, türmt … Sein dokumentarischer Begleiter Moris filmt sein Dino-Dilemma mit – solidarisch bleiben oder Standorte des gefährdeten Gefährders preisgeben? – und damit den Entstehungsprozess des Films. In der zweiten Hälfte verengt sich das Tauziehen zwischen dem zurückhaltenden, möglichst wenig wertenden Regisseur und seinem taumelnden Protagonisten vielleicht zu sehr auf die Frage nach dessen medikamentöser Behandlung und verpasst es damit, nach Dinos fixen Ideen über sich selbst und Alternativen zum fatalistischen Umgang mit seiner Krankheit fragen. Dank der konsequenten filmischen Umsetzung aber bleibt I Love You, I Leave You eine starke Grenzerfahrung im doppelten Sinn. Beim Zurich Film Festival 2025 und bei den Schweizer «Oscars» von vergangener Woche gewann er je den Preis für den besten Dokumentarfilm.
Andreas FurlerGalerieo
