L’étranger
François Ozon, Frankreich, Belgien, Marokko, 2025o
Algier, 1938. Meursault, ein bescheidener Angestellter um die dreissig, begräbt seine Mutter, ohne die geringste Emotion zu zeigen. Am nächsten Tag beginnt er eine Affäre mit einer Bürokollegin, einige Tage später verwickelt ihn sein Nachbar in zwielichtige Geschichten, bei denen Prostitution und Rache vor dem Hintergrund kolonialer Gewalt eine Rolle spielen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Drama kommt. – Nach dem Roman von Albert Camus.
Nach Luchino Visconti nimmt sich François Ozon Albert Camus' Roman L’Étranger aus dem Jahr 1942 vor – die Geschichte eines jungen Franzosen namens Meursault, der zum Tode verurteilt wird, weil er in Algier einen «Araber» getötet hat. In Wahrheit gleichgültig gegenüber dem Schicksal des Opfers, ahndet die Jury damit das Ausbleiben von Meursaults Tränen nach dem Tod seiner Mutter. Für Ozon ist der Stoff eine stimmige Wahl: Verbrechen und (falsche) Schuld sind in seinem Werk allgegenwärtig (Mon crime, Quand vient l’automne). Aus Camus’ Roman formt er einen filmischen Albtraum im besten Sinne des Wortes. Mit seiner ebenso erhabenen wie beunruhigenden Schwarzweiss-Fotografie, der kolonialen Gewalt, die in jedem Bild unterschwellig brodelt, und der sommerlichen Trägheit, die jede Einstellung betäubt, wirkt der Film wie ein böser Traum, der kein Ende nimmt. Benjamin Voisin verkörpert brillant den jungen Antihelden, der seine Gefühllosigkeit nicht verbergen kann. Ozon filmt ihn mit Begehren und hüllt jedes Bild in eine latente Erotik. Auch wenn die Erzählung ihn in die Arme der wunderbaren Rebecca Marder führt, lebt der Film von der Anziehung zwischen dem jungen Mann und seinem Nachbarn, einem gewalttätigen Zuhälter, dargestellt vom charismatischen Pierre Lottin. Zweiteilig angelegt, gibt der Film Ozon im ersten Abschnitt, der mit Meursaults Mord endet, Gelegenheit, sein ganzes Talent zu entfalten. Ob in den Strassen von Algier, an den Stränden, im Hinterland oder im Schutz einer Alkove: Der Regisseur schöpft aus jeder Kulisse ein latentes Unbehagen, das die innere Zerrissenheit seiner Figur spiegelt. Im zweiten Teil, einem typischen beengenden Gerichtsfilm-Setting, lässt die Inspiration des Regisseurs nach. Inszenatorisch kulminiert sie in der am Strand gedrehten Mordszene, bei der Meursault vom Sonnenlicht auf dem Messer seines Opfers geblendet wird – ein kleines filmisches Kabinettstück für sich.
Émilien GürGalerieo
