r Nouvelle Vague
Richard Linklater, Frankreich, USA, 2025o
1959 hat der Filmkritiker Jean-Luc Godard im Gegensatz zu seinen Freunden Truffaut, Chabrol, Rivette und Rohmer noch keinen Spielfilm vorgelegt. Als sich die Gelegenheit bietet, À bout de souffle mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg zu drehen, bekommt er Tipps von Regiestars wie Rossellini und Melville – und überrascht dann alle: Er wird so spontan wie irgendwie möglich drehen, und keiner der Stars wird das Drehbuch vorweg lesen. Die Dreharbeiten verlaufen entsprechend chaotisch, doch der Film definiert das Kino neu.
Nouvelle Vague: Die Filmbewegung, die von jungen Kritikern der Cahiers du Cinéma (Chabrol, Truffaut, Godard, Rivette & Rohmer) zu Beginn der 1960er-Jahre ins Leben gerufen wurde, inspirierte bereits Jean-Luc Godard auf der Wende zu den 1990ern zum Titel eines Films. Mehr als dreissig Jahre später greift der amerikanische Filmautor Richard Linklater (Before Sunrise, Boyhood) das historische Label für seinen eigenen 25. Film erneut auf. Und dies aus gutem Grund: Der Schwarzweissfilm erzählt von den Dreharbeiten zu Godards erstem Langfilm À bout de souffle mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg. Mit einem visuellen Stil, der die körnige Materialität jenes Film imitiert, versteht sich Linklaters Zeitreise als Hommage an die Nouvelle Vague. Deren Regisseure liebten es ihrerseits, dem klassischen Hollywoodkino und einigen ihrer europäischen Vorgänger mit raffinierten Verweisen Tribut zu zollen. Filmbegeisterte kommen bei Linklater auf ihre Kosten: Die Erzählung rekonstruiert detailreich den Ablauf jedes einzelnen Drehtages von À bout de souffle – eines riskanten Unterfangen, das die Nerven vieler Beteiligter strapazierte, von Seberg, die über ihre Figur gänzlich im Unklaren gelassen wurde, bis hin zum Produzenten Georges de Beauregard, der sich über den Arbeitsstil des Regisseurs ärgerte: Godard entschied von Tag zu Tag, was er drehen wollte. Guillaume Marbeck, ein nahezu unbekannter Schauspieler, erweist sich dabei als die ideale Verkörperung Godards. Mit verblüffender Genauigkeit reproduziert er die Gesten und den Akzent des erratischen französisch-schweizerischen Regisseurs.
Émilien Gür
