r Fuori
Mario Martone, Italien, Frankreich, 2025o
Rom, 1980. Die Schriftstellerin Goliarda Sapienza, bekannt durch den Roman Die Kunst der Freude, landet wegen wegen Schmuckdiebstahls im Gefängnis, doch die Begegnung mit einigen jungen Insassinnen erweist sich für sie als eine Art Wiedergeburt. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis, in einem heissen italienischen Sommer, treffen sich die Frauen weiterhin, und Goliarda knüpft eine tiefe Beziehung zu Roberta, die politische Aktivistin und Straftäterin zugleich ist. Eine Beziehung, die kein Aussenstehender versteht, doch in Goliarda weckt sie die Freude am Leben und den Drang zum Schreiben wieder.
Der italienische Regisseur Mario Martone hat rund ein Dutzend Spielfilme gedreht, von denen nur eine Handvoll den Weg in die Schweizer Kinos gefunden hat. Das ist bedauerlich, gehört Martone doch zu den talentiertesten Filmemachern seiner Generation. Glücklicherweise liegen seine Werke seit Nostalgia (2022) wieder in den Händen eines Schweizer Verleihers, dem wir nun auch die Entdeckung seines jüngsten Films Fuori verdanken. Vorweg ein paar Worte zur italienischen Widerstandskämpferin und Schriftstellerin Goliarda Sapienza (1924–1996), die vor allem durch ihren posthum veröffentlichten Roman Die Kunst der Freude bekannt wurde. Anfang der 1980er-Jahre verbrachte die rebellische Feministin einige Zeit im Gefängnis, nachdem sie bei einer Abendgesellschaft Schmuck gestohlen hatte. Hinter Gittern freundete sie sich mit anderen inhaftierten Frauen an. Mehr muss man über diese an sich faszinierende Figur nicht wissen, um in Martones Film einzutauchen. Denn Fuori ist vor allem eines: ein Film der Inszenierung. Martone greift Sapienzas Geschichte auf, um zwei Schauspielerinnen zu filmen, die durch Rom streifen – die grossartige Valeria Golino als Schriftstellerin und Matilda De Angelis als ehemalige Mitgefangene und heroinabhängige Aktivistin. Tagsüber sitzen sie auf Caféterrassen, nachts fahren sie in gestohlenen Autos herum, ohne ein anderes Ziel, als ihre von Begehren durchsetzte Freundschaft auszuloten. Der Film verschmilzt förmlich mit ihren ausgedehnten Streifzügen durch die Ewige Stadt, teilt ihre Freuden und Schmerzen und macht sich ihren unstillbaren Freiheitsdurst zu eigen. Ein mit untrüglichem Gespür zusammengestellter Soundtrack umhüllt ihr zielloses Treiben mit Jazzklängen von Duke Ellington, John Coltrane und Robert Wyatt. Wie die beiden Protagonistinnen, die von endlosen Nächten träumen, wünscht man sich, dass auch dieser Film niemals enden möge.
Émilien Gür
