Santosh
Sandhya Suri, Indien, Frankreich, 2024o
Eine ländliche Region im Norden Indiens. Nach dem Tod ihres Mannes erbt Santosh dessen Stelle und wird Polizistin. Als sie den Tod eines Mädchen aus einer niedrigen Kaste aufklären soll, nimmt sie die charismatische Inspektorin Sharma unter ihr Fittiche. Gemeinsam rühren die beiden Frauen mit ihren Ermittlungen an soziale Grenzen und Tabus.
Sandhya Suris Erstling markiert einen weiteren Wendepunkt im indischen Kino: Endlich übernehmen Regisseurinnen die Zügel unabhängiger Produktionen, die auf Bollywood-Konventionen verzichten und Missstände der indischen Gesellschaft thematisieren. Die Handlung spielt in einer ländlichen Region im Norden Indiens. Nach dem Tod ihres Mannes, der als Polizist bei einem Aufstand getötet wurde, erbt Santosh (eine grossartige Shahana Goswami) dessen Posten, wie es ein «Mitgefühlsgesetz» für Witwen vorsieht. Sie wird von der hartgesottenen Inspektorin Sharma unter ihre Fittiche genommen und eines Tages in ein Dorf geschickt, um das Verschwinden einer jungen Bäuerin zu untersuchen. Santosh macht einen Verdächtigen aus, doch ihre Ermittlungen stossen auf die Gewalt des Kastensystems und Konflikte zwischen religiösen Gemeinschaften, ganz zu schweigen vom Sexismus innerhalb der Polizei. Santosh ist ein relativ konventionell erzähltes Drama und ermöglicht es einem westlichen Publikum, sich in eine Gesellschaft einzufühlen, die sich von der unsrigen stark unterscheidet. Der Film ist spannend und wirkungsvoll in seiner Anprangerung eines zutiefst ungerechten Systems, dessen Opfer vor allem Frauen aus unteren Kasten sind. Darüber hinaus öffnet er sich für unerwartete Momente, die den Figuren Tiefe verleihen. Das wunderschöne Finale auf einem Bahnsteig erinnert daran, wie sehr eine reine Inszenierungsidee einem Thema Nachdruck verleihen kann.
Norbert Creutz
