Réduit
Leon Schwitter, Schweiz, 2022o
Ein Mann nimmt seinen getrennt von ihm lebenden Sohn in seine Berghütte mit, um die Bindung der beiden zu stärken. Je länger das Waldleben der beiden dauert, desto unklarer wird, ob es der Vater jemals beenden will. Doch stimmt es, dass im Unterland alles auf den Kollaps zusteuert, wie es der Vater behauptet? Und wie soll sich der Junge zur wohlmeinenden Tyrannei seines Vaters verhalten?
Stimmungen sind im Kino oft wichtiger als Stories, das Ungesagte vielsagender als das Ausgesprochene. Solche Prinzipien hat sich der junge Zürcher Regisseur Leon Schwitter in seinem erstaunlichen ersten Langspielfilm zu eigen gemacht – und fügt sich damit ein in die Reihe eigenwilliger Schweizer Newcomer wie Cyril Schäublin (Unrueh) oder Michael Koch (Drii Winter). Ein geschiedener Vater um die vierzig nimmt seinen etwa zwölfjährigen Sohn mit in sein «Réduit», das er sich in einer Waldhütte unter mächtigen Felswänden eingerichtet hat. Am Anfang sieht das nach einem klassischen Male-Bonding-Weekend mit Streifzügen und Kapriolen in der Natur, offenem Feuer und ungeschickten Fragen des Vaters nach dem Liebesleben des Sohns und der Ex-Frau aus: entfremdete Wortklauber, die nicht wissen, wie sagen, dass sie sich mögen und der eine dem andern fehlt. Doch schnell nehmen die Bemühungen des Vaters um den Sohn seltsame Züge an. Als sich der Sohn das Handy schnappt, um ein Ortungssignal zu bekommen, rastet der Vater aus; bei späteren Schiessübungen macht er das Telefon mit bemühtem Unernst zur Zielscheibe: Peng, weg ist die Nabelschnur zur Aussenwelt. Nicht zu vergessen die Unmengen von Büchsen im Lagerraum der Hütte… Aus dem Nichts an Erläuterungen sickert durch, dass der Vater mit Schlimmem im Unterland rechnet und das Waldleben mit dem Sohn am liebsten endlos verlängern würde. Das Thriller-Psychogramm eines überspannten Preppers also? Oder droht wirklich der Weltuntergang? Schwitter lässt die Frage gekonnt in der Schwebe und zeigt einfach, wie Vater und Sohn weiterkutschieren, als früher Winter einsetzt: wortloses Ringen um Bleiben oder Gehen, Abgrenzung und Nähe im lautlos rieselnden Schnee. Grossartig, wie Schwitters Kamera- und Tonmann die Schönheit und die Übermacht der Natur dabei in allen Nuancen einfangen, wie die minimale Handlung mit kleinen Kniffen vorangeht und mit Ellipsen ironisch gebrochen wird. Wie’s ausgeht? Schauen Sie selbst und machen Sie sich ihren eigenen Reim darauf. – Im Kino läuft an diesem Wochenende Schwitters semidokumentarischer Film El mundo al revés an. Wir kommen beim Streamingstart auf diese neue produktive Zumutung zurück.
Kerstin BlankGalerieo
