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Colette

Wash Westmoreland, GB, USA, 2018o

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Als Sidonie-Gabrielle Colette den erfolgreichen Pariser Autoren Willy heiratet, ändert sich ihr Leben schlagartig: Sie zieht aus dem ländlichen Frankreich ins turbulente Paris und wird Teil der intellektuellen und kulturellen Elite. Willy, der von einer Schreibblockade geplagt ist, überzeugt seine junge Frau für ihn als Ghostwriterin zu arbeiten.

Die Lebensgeschichte der legendären Sidonie-Gabrielle Colette wurde nicht zum ersten Mal verfilmt. Aber erstens ist Keira Knightley hinreißend in der Rolle der Frau, die sich von ihrem Mann überreden lässt, in dessen Namen die Erfolgsromane über die sexuelle Erweckung der Belle-Epoque-Heldin "Claudine" zu verfassen und dabei eigene Sehnsüchte und emanzipatorische Kräfte entdeckt. Und zweitens hält Wash Westmoreland seinen Film feinfühlig zwischen Arthouse-Kostümdrama und selbstreflexiver Unterhaltung. Die Energie dieses Identitätskampfes erzählt aus der Vergangenheit heraus auch etwas über das 21. Jahrhundert.

Annett Scheffel

Wash Westmorelands Filmbiografie über die Schriftstellerin Colette grast genussvoll in Pariser Belle-Époque-Biotopen, den mondänen literarischen Salons und skandalträchtigen Variétés: ein Kostümdrama, das nicht nur das Auge verwöhnt, sondern auch mit exzellenten Schauspielern und einer saftigen Geschichte mit Zeitgeist-Anschluss aufwartet.

Julia Marx

Galerieo

The Guardian, 21.01.2018

Von Jordan Hoffman

© Alle Rechte vorbehalten The Guardian. Zur Verfügung gestellt vom The Guardian Archiv
02.01.2019
Mehr Würze, weniger Literatur

Keira Knightley spielt in „Colette“ die legendäre Schriftstellerin, die Paris mit erotischen Werken in Aufruhr versetzte. Ein Historienfilm

über die Zeit, in der Frauen keine Hosen tragen durften, der aber auch etwas über die Geschlechterverhältnisse der Gegenwart erzählt.

Von Annett Scheffel

Die junge Frau, als die sie uns zunächst begegnet, lässt noch nichts erahnen von der Emanzipationsgeschichte der Sidonie-Gabrielle Colette. Das Gesicht gerahmt von einer braven Ponyfrisur, sitzt sie am Kaffeetisch mit ihren Eltern und einem 14 Jahre älteren Mann, der aus Paris in das beschauliche Dorf im Burgund gekommen ist. Dort lässt er neben einer Schneekugel mit einer Miniatur des gerade errichteten Eiffelturms auch seine festen Heiratsabsichten zurück. Es ist das Jahr 1893 und Colettes Blick auf die Glaskugel – und die Welt – ist noch unschuldig. Aber in ihren Augen und ihren Bewegungen liegt schon jene unverschämte Selbstsicherheit, mit der sie sich wenig später ins Leben und Schreiben stützen wird. Und dieser Henry „Willy“ Gauthier-Villars, der Herr im Frack und zukünftige Ehemann, den die Eltern noch skeptisch beäugen, wird dabei eine entscheidende, wenn auch widersprüchliche Rolle spielen.

Nicht zum ersten Mal ist die Lebensgeschichte der legendären Schriftstellerin verfilmt worden. Dass Regisseur Wash Westmoreland trotzdem einen Versuch mit einem neuen Drehbuch unternimmt, ist aber gleich in zweierlei Hinsicht einleuchtend. Erstens hat er mit Keira Knightley eine hinreißende Colette-Darstellerin gefunden für die Frau, die mit den Erfolgsromanen über der Belle-Époque-Heldin „Claudine“ ganz Paris in helle Aufregung versetzte und sich eine Rolle als eigenständige Künstlerin erkämpfte.

Und zweitens passt ihre Geschichte sehr gut in unsere Gegenwart, in der ein Jahr nach „Me Too“ so viel wie nie zuvor über die Eigenmächtigkeit der Frau in Kunst und Gesellschaft debattiert wird. Denn die hitzige Energie von Colettes Identitätskampf erzählt in Westmorelands Film aus der Vergangenheit heraus auch viel über das 21. Jahrhundert. Nicht nur darüber, wie wir ihre Geschichte heute lesen, sondern auch darüber, dass sich an bestimmten Ausbeutungsmustern – besonders im Bereich der Kunst – bis heute nur oberflächlich etwas verändert hat.

Westmoreland konzentriert sich auf die frühen Jahre seiner Heldin. Nach der Hochzeit mit Willy verlässt sie die zirpende Landschaft ihrer Kindheit in Richtung Paris und der nahenden Jahrhundertwende. Freigeistig und mondän ist die Stimmung in den Salons der Stadt, auch wenn das auf die Realität der Frauen zunächst einmal wenig Einfluss hat. Eigentum ist an die Ehe gebunden, das Hosentragen verboten und was Frauen schreiben, wolle ohnehin niemand lesen, wie Willy seiner Frischvermählten einmal unumwunden erklärt.

Der Impresario und Lebemann beschäftigt ein ganzes Team von unterbezahlten Ghostwritern und überredet schließlich auch Colette unter seinem Namen ein Buch zu schreiben: „Claudine erwacht“ über die sexuelle Erweckung eines jungen Mädchens auf dem Lande wird ein so großer Erfolg, dass Willys gut geölte Marketingmaschine bald nach immer lüsterneren Fortsetzungen verlangt: „Mehr Würze, weniger Literatur“, rät er. Gleichzeitig muss sich Colette mit seiner Untreue herumschlagen und lässt sich bald auf eine komplizierte Dreiecksbeziehung mit der amerikanischen Salondame Georgie ein.

Keira Knightley, bei der man eigentlich das Gefühl hat, sie mindestens einmal zu oft in einem Kostümfilm gesehen zu haben, beweist hier einmal mehr ihr Können. Ihre Colette ist so leuchtend vor Neugier und Vitalität, so sexy, clever und charmant, dass man schnell wieder daran erinnert wird, warum sie eben gerade in historischen Rollen so gut ist. Die Darstellung ihrer Frauenfiguren passt in ihre jeweilige Epoche und besitzt trotzdem immer etwas unverkennbar Modernes: eine Eigenwilligkeit, eine Kühnheit im Blick, eine Furchtlosigkeit im Auftreten – besonders im Zusammenspiel mit Männern.

Neben seiner Hauptdarstellerin verlässt sich Wash Westmoreland vor allem auf die Ästhetik der Belle Époque. Die umwerfenden Kostüme, das warm schimmernde Licht in den Salons und viele weitere historische Details, die diese Zeit wie ein prächtiges Arsenal aus Fußnoten zum Leben erwecken. Da wird einmal in einer illustren Salonrunde über den Bau des Eiffelturms diskutiert, der damals für viele Pariser ein skandalöser Eingriff in die Stadtsilhouette war. Eine andere Salonszene erzählt von der einsetzenden Fluidität der Genderrollen. Wir hören den Gesang einer weiblichen Sopranstimme, der Pantomime Georges Wague, später Colettes Varieté-Mentor, bewegt dazu kunstvoll die Lippen, erst am Ende sehen wir die Frau, zu der die Stimme wirklich gehört.

Das einzige, das man Westmoreland vorwerfen kann, ist vielleicht, dass sein Biopic zwischen Arthouse-Drama und selbstreflexivem Unterhaltungskino beinahe ein bisschen zu schön und geradlinig ist – zumindest im Vergleich zu dem widersprüchlichen, von Extremen und Tabubrüchen geprägten Leben, das ihm zugrunde liegt. Was ihm aber sehr wohl gelingt, ist die wunderbar komplexe Gemengelage der Geschlechterrollen. Colette kann ebenso empfindsam sein wie rasend in ihrer Wildheit, sie will loyale Ehefrau sein und probiert sich gleichzeitig in gleichgeschlechtlichen Affären aus. Und auch Willy, herrlich nuanciert gespielt von einem spitzbärtigen Dominic West, hat sehr viel mehr als eine Seite. Er ist weder Bösewicht noch Held – oder eben beides ein bisschen.

Ein alternder Macho, der seine Frau liebt und sie zugleich ausbeutet, sie zum Schreiben in ein Zimmer sperrt, um später mit ihr an den Manuskripten zu arbeiten. Willy ist ein liebenswerter Hallodri, dessen männliche Selbstsicherheit Colette erst anzieht und dann von ihm forttreibt, in ein unabhängiges Leben. Förderung und Zwang liegen hier nah beieinander – und Westmoreland tut gut darin, sie nicht auseinanderzudividieren. Denn genau dort, wo nicht alles immer ganz klar ist, sind wir sogleich in den Diskussionen der Gegenwart.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Director Wash Westmoreland Breaks Down the Big Entrance Scene
/ Variety
en / 30.09.2018 / 8‘03‘‘

Professor Simon Schama on Sidonie-Gabrielle Colette
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en / 19.07.2015 / 49‘37‘‘

Interview: Keira Knightley
Peter Travers / Popcorn with Peter Travers
en / 04.10.2018 / 20‘21‘‘

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en / 25.09.2018 / 27‘41‘‘

Boomerang
Von Augustin Trapenard / France Inter
fr / 33‘24‘‘

Filmdateno

Genre
Drama, Historisch
Länge
111 Min.
Originalsprache
Englisch
Bewertungen
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Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Keira KnightleySidonie-Gabrielle Colette
Dominic WestHenry 'Willy' Gauthier-Villars
Fiona ShawAdèle 'Sido' Eugénie Sidonie Colette
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Bonuso

iGefilmt
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gGeschrieben
Besprechung The Guardian
Jordan Hoffman
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Besprechung Süddeutsche Zeitung
Annett Scheffel
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hGesprochen
Boomerang
France Inter / fr / 33‘24‘‘
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