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Cold War

Paweł Pawlikowski, Polen, Frankreich, GB, 2018o

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Polen im Kalten Krieg: Wiktor begegnet Zula bei einem Vorsingen. Er engagiert die eigensinnige junge Frau mit der göttlichen Stimme, ohne gross nachzudenken. Zwischen den beiden entflammt sofort eine heftige Liebesaffäre. Doch Wiktors Künstlergruppe wird zunehmend politisch vereinnahmt. Anfangs der 1950er-Jahre nutzt der Musiker einen Auftritt in Ostberlin, um sich in den Westen abzusetzen.

Zwei Liebende, Wiktor und Zula, für die es keinen Platz auf der Welt zu geben scheint: nicht im kommunistischen Polen, wo die beiden sich nach dem Krieg kennenlernen, und nicht in Paris, wohin Wiktor 1952 flieht. Pawel Pawlikowski entwirft in einem fast quadratischen Filmformat verführerisch schöne, coole Schwarz-Weiß-Bilder, die die Figuren einengen, in denen sie aber immer wieder auch fast verloren gehen. Von Ort zu Ort werden die Liebenden getrieben und von einer Klangwelt in die nächste: Beide sind Musiker, aber weder Volksmusik noch Jazz, weder Chanson noch der Rock´n Roll, zu dem Zula leidenschaftlich tanzt, können beiden eine Heimat bieten.

Martina Knoben

Man weint ja ungern unter seinem Niveau, weshalb man sehr dankbar ist für den erlesenen Schwarzweiss-Liebesfilm von Pawel Pawlikowski («Ida»): Das Weltgeschehen treibt Wiktor und Zula aufeinander zu und reisst sie wieder auseinander, der Totalitarismus verformt die Kunst und die Charakter gleich mit. Kino für die Ewigkeit, weil es jeden Moment trifft.

Pascal Blum

Galerieo

Sight & Sound, 14.10.2018

Von Nick James

© Alle Rechte vorbehalten Sight & Sound. Zur Verfügung gestellt vom Sight & Sound Archiv
20.11.2018
Jeder Mensch ist eine Insel

Der polnische Oscarpreisträger Pawel Pawlikowski erzählt in seinem Melodram "Cold War" eine verführerisch schöne Geschichte über Liebe und Musik zwischen Ost und West.

Von Martina Knoben

Wie ein Dokumentarfilm über osteuropäische Volksmusik sieht "Cold War" am Anfang aus. Bettelarme, ausgemergelte Dorfbewohner tragen mit trauriger Mine traditionelle Lieder vor oder spielen mit schmutzigen Fingern auf seltsamen Instrumenten, eines sieht aus wie ein Dudelsack mit Fußpedal. Die Texte sind deftig: "Ich lass die Finger vom Pflaumenschnaps, denn davon tut mir nur der Schädel weh", heißt es in einem Vortrag, "nein, den Herren heirate ich nicht" in einem andern. Gerade, wenn man sich eingeschwungen hat auf ein Lied, ist der Film schon wieder beim nächsten, und schnell kommt auch ein Mikro ins Bild. Paweł Pawlikowski mag die Lust auf authentisches Volksgut, den sein Filmanfang weckt, nicht einfach befriedigen - er zeigt ihn als den Anfang einer Verwertungskette. Die Lieder, die der Komponist Wiktor (Tomasz Kot) mit einer Choreografin und einem Vertreter der Kulturbehörde sammelt, werden zum Repertoire eines neuen Volksmusikensembles; später werden sie zu Chansons oder Schlagern arrangiert.

Die Musik bildet das Rückgrat dieses Films; sie markiert die Kapitel einer Liebesgeschichte, die zwischen Ost und West, dem kommunistischen Polen mit seiner Folklore und Propaganda und dem Paris der Existenzialisten und des Cool Jazz hin und her pendelt. Aber sie erscheint auch als wenig zuverlässige Schönheit, die ihre Notenfähnchen nach dem Wind hängt. "Cold War" ist auch eine Geschichte von Leidenschaft und Anpassung.

Pawlikowski, der 1957 in Warschau geboren wurde, Polen als 14-Jähriger verließ, um schließlich in England zu leben, kehrt nach seinem mit dem Auslands-Oscar prämierten Film "Ida" ein zweites Mal nach Polen zurück. Wieder erzählt er von der Nachkriegszeit. Und vielleicht ist sein ungewöhnlicher Filmeinstieg ja auch eine Suche nach den eigenen Wurzeln. "Cold War" ist jedenfalls seinen Eltern gewidmet, nach denen die Protagonisten auch benannt sind. "Sie beide waren starke, wunderbare Menschen, aber als Paar eine unendliche Katastrophe", sagt der Regisseur.

Die Liebesgeschichte seines Films (die in vielen Details dann doch anders ist als die seiner Eltern) beginnt 1949, in den Ruinen einer Gesellschaft, die sich unter kommunistischen Vorzeichen neu definiert. Der begabte Komponist Wiktor reist als musikalischer Ethnograf durch das Land, auf der Suche nach Melodien, Sing- und Tanztalenten. Dabei trifft er Zula (Joanna Kulig) und ist gleich elektrisiert. Zula ist keine unschuldige Landpomeranze, das ist klar. Sie ist auf Bewährung raus, hat angeblich ihren Vater mit dem Messer angegriffen. Joanna Kulig hat eine tolle Ausstrahlung, die immer wieder an die junge Brigitte Bardot erinnert: schön und temperamentvoll, mit viel Chuzpe und etwas lasziv. Ihr Vorsingen ähnelt den Casting-Sendungen von heute. Einfach so unterbrechen und abwiegeln aber lässt Zula sich nicht. Inbrünstig singt sie einen russischen Schlager zu Ende: "Herz, du suchst keinen Frieden, Herz, es ist gut, am Leben zu sein." Und in diesen Zeilen liegt schon der Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit. Immer wieder ist es die Musik, die "spricht", wo die Figuren stumm bleiben.

Wiktor und Zula beginnen eine leidenschaftliche Beziehung, die 15 Jahre und die Trennung durch den Eisernen Vorhang überdauern wird. Dabei bleiben sie füreinander - und auch für den Zuschauer - hermetisch. Das liegt zum einen daran, dass Pawlikowski sie nicht erklären will, psychologische Ausdeutungen seiner Figuren sind ihm zuwider. Es liegt aber auch an Zula und Wiktor selbst, die von Anfang an nicht richtig zusammenkommen, sich abarbeiten am anderen. Jeder Mensch ist hier eine Insel oder - um im Bild des (politischen) Kalten Krieges zu bleiben - ein Block für sich. "Ich werde überall und bis in alle Ewigkeit bei dir sein", schwört Zula Wiktor, als ihre Liebe noch ganz frisch ist. "Aber ich muss dir was sagen: Ich verpfeife dich."

Während Zula, die aus bescheidenen Verhältnissen kommt, sich mit dem Kommunismus arrangiert und ihren Starstatus im Volksmusikensemble genießt, ist Wiktor ein Romantiker mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, der im zunehmend stalinistisch geprägten Polen keine Zukunft für sich sieht. Ein Gastspiel in Berlin nutzt er zur Flucht. Zula, die eingeweiht war, bleibt zurück. Die beiden können sich in den nächsten Jahren nur kurz sehen, bevor auch Zula 1959 die Ausreise gelingt.

Die Zersplitterung der Welt und die Isolation seiner Figuren spiegelt Pawlikowski in einer elliptischen Erzählweise. Zwischen zwei Bildern können Jahre und Hunderte Kilometer liegen - so zerstört der Regisseur jede Anmutung von Kontinuität. Von Ort zu Ort werden die Liebenden getrieben und von einer Klangwelt in die nächste. Aber weder Volksmusik noch Jazz, weder Chanson noch Rock 'n' Roll werden zur Heimat. "Cold War" ist auch eine Studie des Exils, in dem Wiktor zur Mittelmäßigkeit schrumpft und Zula ihre Liebe fast verliert.

Das alles ist verführerisch schön, in erlesen komponierten, sehr coolen Schwarz-Weiß-Bildern fotografiert, die "Cold War" schon jetzt wie einen Klassiker wirken lassen. Pawlowski ist ein großer Stilist. Für "Cold War" bekam er den Preis für die beste Regie in Cannes; mit fünf Nominierungen in allen wichtigen Kategorien gilt der Film außerdem als Favorit beim Europäischen Filmpreis. Wie "Ida" ist er im sogenannten Academy-Format mit dem Seitenverhältnis von 4:3 gedreht, die Bilder wirken fast quadratisch. Es sind Bilder, die die Figuren einengen, in denen die Sehnsüchte dann umso größer werden nach einer Leidenschaft, die im Alltag aber nicht gelebt werden kann.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 28.11.2018
Die vielen Arrangements der Liebe

Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski hat mit «Cold War» den Liebesfilm des Jahres gedreht.

Von Pascal Blum

Falls man sich vor Jahresende noch in einen Kinofilm verlieben möchte – hier ist «Cold War» von Pawel Pawlikowski, Regiepreis in Cannes, Oscarkandidat Polens. Hinreissend, wie es dieses Melodram schafft, Gefühle auf den Moment zu bringen, in wunderbar kontrastreichem Schwarzweiss noch dazu. Nicht, dass es eine Liebe ohne Hindernisse wäre, wenn man sich in diesen Film verguckt. Manchmal wird einem der Zwang zur Formvollendung zu viel. Aber wenn man ihn gesehen hat, möchte man nicht mehr ohne ihn sein.

Der Komponist und Dirigent Wiktor (Tomasz Kot) zeichnet im Polen der Nachkriegszeit Volkslieder auf und arbeitet sie dann um für das Tanz- und Folkloremusikensemble Mazurek. Eines Tages singt dort die Tänzerin und Sängerin Zula (Joanna Kulig) vor. In Ostberlin ergreift Wiktor später die Gelegenheit zur Flucht in den Westen. Zula getraut sich nicht. Im Exil in Paris treffen sie sich wieder, und es endet dort, wo es begonnen hat, in Polen auf dem Land.

Ganze Jahre ausgelassen

Der polnisch-britische Regisseur und polyglotte Intellektuelle Pawel Pawlikowski trennt die knappen Szenen scharf voneinander und schafft makellose Bildkompositionen. Menschengruppen wirken flächig wie Wände, Köpfe sind ums Zentrum drapiert. Alles ist gesagt, weil nichts gesagt wird; was er hier alles auslässt, ganze Jahre! «Man riecht es ja sofort», sagt der Regisseur beim Treffen, «wenn Figuren im Kino nicht miteinander reden, sondern zum Publikum sprechen.» Um die Geldgeber für den Film nicht zu verwirren, schrieb er ein ausführlicheres Konzept. «Das Drehbuch war aber nur schlechte Literatur.» Alle Kraft sei ins Filmemachen gegangen, in die Szenen und die Körpersprache.

Das erste Mal, als wir Zula sehen, wartet sie auf einer Bank, bis sie mit Vorsingen für die Mazurek-Truppe an der Reihe ist. Sie sitzt leicht vornübergebeugt, hat die Arme verschränkt und löchert ihre gelangweilten Konkurrenten mit Fragen: die Pose einer Person, die aufs Provozieren aus ist (der Film ist voll solcher überscharfer Miniaturen). Wenig später hat Zula das Lied ihrer Banknachbarin gekapert und Wiktor zudem mit einem Song aus einem sowjetischen Filmmusical bezirzt.

Wiktor verführt sie darauf mit ein paar Gershwin-Tönen auf dem Klavier. Ihre Liebe steht ab dann im Raum, ohne dass man Gründe brauchte, sie zu glauben. Sie ist einfach hier, und Pawlikoswki spiegelt sie in der Musik, die auch ständig neu arrangiert wird: Von Anfang an träumt Wiktor von den Klängen des Westens. Nach seiner Flucht begeistert er sich für den Bebop, später in Paris lebt er mit Zula in einer Dachwohnung und versucht, aus ihr eine Chansonnière zu machen, indem er die alten Lieder aus der Heimat jazzifiziert.

In Polen war Zula dank Mazurek so etwas wie ein Star, in Frankreich schrumpft sie zum Liebhaberprojekt eines Bohèmiens. Zula sträubt sich und fährt zurück in ein Polen, das jetzt beginnt, sich der Welt zu öffnen und vermehrt jene ausländische Musik erlaubt, die Wiktor so gefällt. Aber davon kriegt Zula nun nur noch den Vamp-Look und eine läppische Exotica-Band ab.

Folie der Ideologie

Das ist schon mal reizvoll intelligent, als Geschichte von kulturellen Hürden und Zufällen der Geschichte. Darüber legt Pawlikowski zusätzlich die Folie der politischen Ideologien. Bald wird die Mazurek vom Staat vereinnahmt und tritt vor einem Stalin-Porträt auf – volksnahes Exportgut für die sozialistische Sache. Als sich Zula und Wiktor in Paris wiederfinden, entpuppt sich er als geschmeidiger Künstlertyp, der sein kompositorisches Talent mit Gewinn im westlichen Markt einsetzt und auch schon eine Frühform des Networkings praktiziert. Da schreckt Wiktor dann auch nicht davor zurück, Zulas Herkunft aus schwierigen Verhältnissen als Verkaufsargument für ihre Popkarriere zu verwenden.

Der Film «Cold War» zeigt, dass Kunst immer schon verformt ist durch die gesellschaftliche Situation. Künstlerische Unbestechlichkeit gibts weder im Osten noch im Westen: Wer eine Vorstellung hat, was er aus sich machen will, muss Dinge mit sich machen lassen und den Charakter zerbeulen.

Traurige Fatalität

Pawlikowski kam als Jugendlicher Anfang der 70er-Jahre aus Polen in den Westen. Bereits im oscarprämierten Drama «Ida» (2013) um eine Klosternovizin thematisierte er die Geschichte des Landes und die Vitalität, die erstickt wird. In «Cold War» ist die Musik die Maske, die nicht immer passt, und Systeme erscheinen als Zwangsordnungen, die selbst Intimbeziehungen zu zerstören vermögen.

Zula und Wiktor wissen voneinander nicht, was die Zeit aus dem anderen gemacht hat. Aber ihre verrückte Liebe hält als unverrückbare Tatsache den Verhältnissen irgendwie stand. Ihre Schönheit und ihre ganze traurige Fatalität steckt im Unausgesprochenen, und so ist das Kino von Pawel Pawlikowski.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt vom Tages-Anzeiger Archiv
Télérama, 08.10.2018

Von Pierre Murat

© Alle Rechte vorbehalten Télérama. Zur Verfügung gestellt vom Télérama Archiv
Interview with director Pawel Pawlikowski
/ heyuguys.com
en / 06.08.2018 / 10‘58‘‘

Cannes Film Festival press conference
/ Cannes Film Festival
de fr en / 11.05.2018 / 10‘22‘‘

A Short History of Soviet Art – From the Avant-Garde to Stalin
Lewis Waller / Then & Now
en / 15.06.2017 / 10‘21‘‘

Filmdateno

Originaltitel
Zimna wojna
Genre
Drama
Länge
85 Min.
Originalsprachen
Polnisch, Französisch, Russisch, Deutsch
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Joanna KuligZula
Tomasz KotWiktor
Borys SzycKaczmarek
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heyuguys.com, en , 10‘58‘‘
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Cannes Film Festival, de fr, 10‘22‘‘
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Then & Now, en , 10‘21‘‘
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