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Loving Vincent

Dorota Kobiela, Hugh Welchman, Polen, Vereinigtes Königreich, 2017o

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Ein Jahr nach dem Tod Vincent van Goghs taucht plötzlich ein Brief des Künstlers an dessen Bruder Theo auf. Der junge Armand Roulin erhält den Auftrag, den Brief auszuhändigen. Zunächst widerwillig macht er sich auf den Weg, doch je mehr er über Vincent erfährt, desto faszinierender erscheint ihm der Maler, der zeit seines Lebens auf Unverständnis und Ablehnung stieß. War es am Ende gar kein Selbstmord?

Die Befürchtung, man könnte des «Trickfilm-Ölgemäldes» bald überdrüssig werden, ist unbegründet: Nach ein paar Minuten hat sich das Auge an die ungewohnte Bildsprache gewöhnt. Die Geschichte rückt zwar oft in den Hintergrund, weil man ganz damit beschäftigt ist, die hypnotischen Farbwirbel anzustarren. Aber so muss es wohl sein, wenn die Kino- zur Kunstleinwand wird. Und Jerome Flynn, den man als rüpelhaften Bronn aus «Game of Thrones» kennt, ist in der Rolle von Vincents Leibarzt Dr. Gachet ein Volltreffer. Oscarnominiert als bester Animationsfilm (gewonnen hat Pixars «Coco»)

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Eine Reise in die Wahrnehmung des berühmten Malers Vincent van Gogh. Für den jungen Armand Roulin (Douglas Booth), der ein Jahr nach dem Tod des Malers im Auftrag seines Vaters einen Brief an dessen Bruder Theo zustellen soll und im Laufe seiner detektivischen Rekonstruktion auch seine eigene Bestimmung findet. Aber auch für den Zuschauer, vor dessen Augen sich die berühmten Bilder zu einer animierten Lebensgeschichte verbinden. Denn ähnlich wie Richard Linklater in "Waking Life" haben auch Dorota Kobiela und Hugh Welchman ihr Filmdebüt nach dem Dreh im Strich und in den Farben van Goghs "übermalt".

Anke Sterneborg
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Galerieo

The New York Times, 21.09.2017

Von A.O. Scott

© Alle Rechte vorbehalten The New York Times. Zur Verfügung gestellt vom The New York Times Archiv
28.12.2017
Ein Leben in 65.000 Bildern

Der schönste und überraschendste Kunstfilm des Jahres: „Loving Vincent“ ist eine Hommage an Vincent van Gogh, geschaffen von Künstlern aus aller Welt.

Von Julia Voss

Es ist wie mit den Weihnachtsgeschenken. Manchmal kommen die besten erst nach den Feiertagen. Sie sind zuvor in der Post stecken geblieben, oder der Besuch, der sie bringt, konnte erst nach den Familienfestlichkeiten vorbeischauen. Warum „Loving Vincent“ in Deutschland erst so spät anläuft (in Schweden zum Beispiel kam er schon im November in die Kinos), weiß kein Mensch. Aber: Er ist der originellste, schönste und berührendste Kunstfilm, den das Jahr 2017 zu bieten hat.

Über diesen Film ließen sich ganze Bücher schreiben, aber man kann es auch kurz machen. Hier also nur drei Gründe, warum man „Loving Vincent“ unbedingt gesehen haben sollte.

Fantastisch schön anzusehen

Der erste Grund: Weil er so fantastisch schön anzusehen ist. Die zwei unglaublichen Zahlen, die man sich in diesem Zusammenhang merken kann, sind „125“ und „65 000“. 125 Künstler aus aller Welt haben 65 000 Einzelbilder für „Loving Vincent“ gemalt. Diese Ölgemälde, die für den Film abfotografiert wurden, messen etwa einen Meter auf sechzig Zentimeter. Den Stil haben Vincent van Goghs Kunstwerke selbst vorgegeben: Fast hundert von ihnen wurden eins zu eins kopiert, sie bilden die Brückenköpfe des Films, verbunden durch Tausende frei erfundene Bilder. Jede Szene wurde dafür zuerst mit Schauspielern aufgeführt, abgefilmt und dann gemalt. „Es ist“, sagt einer der beiden Regisseure in einem Interview, „zweifelsohne die langsamste Methode, die je entwickelt wurde, um einen Spielfilm zu machen.“

Ein Rekord wurde damit jetzt schon aufgestellt: Es ist der erste vollständig in Öl gemalte Film der Geschichte. Das Beste aber ist natürlich nicht der Rekord, sondern sein Effekt. Wer hätte gedacht, dass es einen Film braucht, um an den alten Zaubertrick der Malerei zu erinnern? Wie eine Welt aus Farbe und Strichen entsteht, zeigt „Loving Vincent“ in jedem Bild. Und das Wunder, von dem man nicht genug bekommen kann, besteht darin, dass man den Trick sieht und sich die Illusion trotzdem einstellt.

Ein Biopic, frei von Klischees

Der zweite Grund: Weil die Geschichte großartig ist. Das ist die nächste Überraschung. Die meisten Biopics über berühmte Künstler sehen so übel aus, wie Tütensuppen schmecken. Der Grund ist das immer gleiche Rezept: ein bisschen Künstlerwahnsinn, dazu erwartbaren Spießerwahnsinn, Höhen, Tiefen, Meisterwerke, Unverständnis, Tragik, Ende.

Im Fall von „Loving Vincent“ kommt das alles nicht vor. Und das ist ein Geniestreich, da Vincent van Gogh, der Mann, der sich das Ohr abschnitt, ja eigentlich der Inbegriff des verrückten Künstlers ist, die Blaupause aller Malerklischees. Aber Klischees scheinen die Macher von „Loving Vincent“ nicht zu interessieren. Sie gehen einer aufrichtigen Frage nach: Wer oder was brachte Vincent van Gogh dazu, sich in den Oberkörper zu schießen und sich damit die Verletzung zuzufügen, an der er starb?

Eine Antwort darauf sucht in „Loving Vincent“ der Sohn des Postboten, der, ein Jahr nachdem Vincent van Gogh gestorben ist, dessen letzten Brief zustellen will. Das ist die Rahmenhandlung. Sie spielt in Frankreich 1891. Und damit hat der Film zwei Hauptdarsteller: Vincent van Gogh und den Sohn des Postboten, der wie ein Detektiv die letzten Lebensmonate des Malers rekonstruiert. Er spricht mit Freunden, Bekannten, Geliebten und dem durch van Goghs Porträt später weltberühmt gewordenen behandelnden Arzt Dr. Gachet. Die Rückblenden werden wie in einem Puzzle zusammengesetzt. „Loving Vincent“ ist damit ein kluges Kriminalstück. Als würde der Sog der Bilder nicht schon reichen, kommt noch der des Plots dazu.

Der dritte Grund: Weil das ein Film gegen alle Wahrscheinlichkeiten ist. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten eine Explosion digitaler Effekte, alles, was sich am Computer herstellen ließ, wurde ausprobiert, visuell und akustisch. Niemand aber hätte damit rechnen können, dass sich eine Polin und ein Engländer im 21. Jahrhundert zusammensetzen, um einen Kinofilm in Öl zu produzieren. In mühseliger, kostspieliger, langwieriger Handarbeit. Zusammen schrieben Dorota Kobiela und Hugh Welchman das Drehbuch und führten Regie. Für den Animationsfilm „Peter und der Wolf“ hatte Welchman 2008 bereits einen Oscar gewonnen. Das ist schön, erklären kann das jedoch nichts. Weder ökonomisch noch strategisch ist „Loving Vincent“ sinnvoll. Kein Reißbrett dieser Welt hätte so etwas hervorbringen können.

Das heißt nichts anderes, als dass dieser Film durch und durch unvorhergesehen ist. Darin besteht das größte Glück. Wer zu den Menschen gehört, die im Kino weinen, wird es hier tun.

© Alle Rechte vorbehalten Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Zeitung Archiv
31.12.2017
Das Fieber in seinen Augen

"Loving Vincent" ist der erste Film, der komplett aus Ölgemälden besteht. Fast wie ein Thriller erzählt er von Leben und Tod Vincent van Goghs.

Von Anke Sterneborg

Nachdenklich steht ein junger Mann vor den berühmten Feldern in Arles, zwischen den charakteristisch leuchtenden Farben und den ungestüm dicken Pinselstrichen, sozusagen mitten in einem Bild, das Vincent van Gogh gemalt hat.

Langsam verdüstert sich der Himmel, dunkle Wolkenstrudel ziehen auf, Krähen kreisen über der Landschaft, Regen beginnt in dicken Strichen herunterzuprasseln. Es ist tatsächlich so, als würde das Bild aus seiner Statik gelöst und in Bewegung versetzt, um den Betrachter hineinzuziehen. So muss es sich anfühlen, wenn man in den Kopf eines Künstlers hineinschlüpft, in seine Wahrnehmung.

Als Zuschauer betritt man die Lebenswelt des Künstlers zusammen mit dem jungen Heißsporn Armand Roulin (Douglas Booth). Der hält zunächst gar nichts von der Aufgabe, die ihm sein Vater, der Postmeister der Region überträgt. Ein Jahr nach dem Tod Vincent van Goghs soll er sich auf den Weg nach Paris machen, um den letzten, auf dem Postweg nicht zustellbaren Brief des berühmten Malers bei dessen Bruder Theo abzuliefern. Dabei geht es dem Vater nicht allein darum, dass der Brief seinem rechtmäßigen Empfänger zugestellt wird; sondern mehr noch darum, dem Leben seines ständig in Wirtshausraufereien verwickelten Sohnes eine neue Richtung zu weisen.

Erinnerungen an eine zerrissene Künstlerseele

So beginnt Armand zunächst widerwillig mit seinen Recherchen, beim Farbenhändler in Paris, dann in Arles und Auvers, in dem Gasthaus, in dem van Gogh unter einfachsten Verhältnissen lebte, beim Bootsverleiher, mit dem er sich regelmäßig traf, im Haushalt des Nervenarztes, der sich um ihn kümmerte. Jeder hat seine Meinung zum Geisteszustand des Malers.

"Ich konnte das Fieber in seinen Augen sehen", sagt die missmutige Haushälterin des Arztes, während die liebenswürdige Tochter des Gastwirts ihn sehr viel zärtlicher beschreibt. Leichtfertiger Tratsch über das Enfant terrible des Dorfes wechselt mit melancholischen Erinnerungen an eine zerrissene Künstlerseele.

Im Stil einer Mockumentary fügen sich die Gespräche mit den Menschen, die den Maler kannten, zu seiner Lebensgeschichte. In einer Struktur, die an "Citizen Kane" erinnert, folgt Armand wie in einer Schnitzeljagd den zum Teil widersprüchlichen Hinweisen. Und als der Farbenhändler auf allerlei Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem angeblichen Selbstmord hinweist, wandelt sich die Suche nach dem Empfänger des Briefes zur Detektivgeschichte. Wie soll es möglich sein, dass sich van Gogh mit einem Gewehr in den Bauch schießt? Wo sind Leinwand, Farben und Staffelei geblieben, an denen er bis zuletzt im Feld gearbeitet haben soll? Warum haben die Gutsbesitzer in ihrer Scheune einen Schuss gehört, und wo ist die Pistole, die unter dem Tresen des Gasthauses aufbewahrt wurde? Immer stärker wird Armand in den Bann dieser Kriminalgeschichte gezogen, und erliegt dabei zunehmend auch der Faszination der Gemälde und ihres zerrissenen Schöpfers.

Die die rund 63 000 Einzelbilder des Films wurden in genau so viele Ölgemälde übertragen

"Wir können nur durch unsere Bilder sprechen", hat van Gogh einmal gesagt und die Regisseure Dorota Kobiela und Hugh Welchman nehmen dieses Zitat ernst. Es gelingt ihnen, sich in die Welt des Künstlers einzufühlen, sie im wahrsten Sinne des Wortes zugänglich zu machen, zum Leben zu erwecken.

Durchaus naheliegend ist das, weil van Gogh wie besessen seine Umgebung gemalt hat, Menschen, Landschaften, Stadt- und Kneipenszenen. So lassen sich seine Werke in gewisser Weise wie ein Tagebuch lesen. Um diese Momentaufnahmen tatsächlich in einen filmischen Fluss zu bringen, haben die beiden Filmemacher aus Polen und England zunächst in gebauten Sets mit Schauspielern aus Fleisch und Blut gedreht. Chris O'Dowd, Saoirse Ronan und allen voran Douglas Booth als Armand spielen Szenen, die sich zum größten Teil an realen Gemälden orientieren, Lücken aber immer wieder auch mit der Fantasie füllen. Hilfreich ist dabei, dass van Gogh während des Malens oft wie ein Filmemacher mit der Kamera die Perspektive gewechselt hat, die Bewegung indirekt also schon in den Bildern enthalten ist. Entsprechend natürlich wirkt es, wenn sich die Kamera ganz unmittelbar und impulsiv in dieser Welt bewegt. Nach dem Dreh gingen mehr als hundert Maler auf der Basis dieses Materials ans Werk. Im Rotoskopie-Verfahren übertrugen sie die rund 65 000 Einzelbilder des Films in einem sechs Jahre dauernden Prozess in Ölgemälde, die anschließend abgefilmt wurden. Ein Film, der ein wenig anmutet, als wäre er im Museum geträumt worden.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Side by Side – Paintings and Film
/ Ignacio Montalvo
en / 06.02.2018 / 1‘17‘‘

Vincent van Gogh: The Colour and Vitality of his Works
Colin Wiggins / The National Gallery
en / 11.03.2016 / 29‘32‘‘

Making Of
/ Loving Vincent
en / 30.03.2017 / 6‘20‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
La Passion Van Gogh FR
Genre
Animation, Drama
Länge
94 Min.
Sprachen
Englisch OV
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Douglas BoothArmand Roulin
Jerome FlynnDr. Gachet
Robert GulaczykVincent van Gogh
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Bonuso

iGefilmt
Side by Side – Paintings and Film
Ignacio Montalvo, en , 1‘17‘‘
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Vincent van Gogh: The Colour and Vitality of his Works
The National Gallery, en , 29‘32‘‘
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Making Of
Loving Vincent, en , 6‘20‘‘
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gGeschrieben
Besprechung The New York Times
A.O. Scott
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Julia Voss
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