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Eldorado

Markus Imhoof, Schweiz, Deutschland, 2018o

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Markus Imhoof erzählt eine sehr persönliche Geschichte, um ein globales Phänomen – das Schicksal von Tausenden von Menschen auf ihrer Flucht nach Europa – erfahrbar zu machen. Seine Fragen nach Menschlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung in der heutigen Welt führen ihn zurück in seine Kindheit und zu seiner Verbundenheit mit dem italienischen Flüchtlingskind Giovanna.

Einer der bestgemachten, berührendsten und wichtigsten Filme, die ich 2018 im Weltkino, das die Welt da draussen so zwingend mit uns verknüpft, bislang gesehen habe. Markus Imhoof lässt die Schlagworte von "Migrantenströmen" oder "Flüchtlingselend" und die dazu gehörenden visuellen Floskeln aus dem Fernsehen schon in der grandiosen Eröffnungssequenz hinter sich und folgt stattdessen anhand klug gewählter Einzelschicksale dem Weg der afrikanischen Auswanderer von der mörderischen Fahrt übers Mittelmeer in die Auffangszentren und die Ghettos der Erntesklaven bis zur Reise in vermeintliche "Eldorados" wie die Schweiz, wo sie die Asylbürokratie in Zivilschutzbunkern versorgt, echte von falschen Bedürftigen scheidet und die meisten wieder nach Hause schickt. Über die Erinnerungen an seine italienische Quasischwester Giovanna, die ab 1944 als aufzupäppelndes Kriegskind zweitweilig bei seiner Familie leben durfte und auch wieder nach Hause musste, bringt der Regisseur seine ergreifend persönlichen Zugang zum "Thema" ein und wirft Grundfragen nach der Willkür von Grenzen und unserer Verpflichtung als Menschen auf. Peter Indergands Kamerablick heftet sich mit Feingefühl an sprechende Details, an denen sich menschliche Grässlichkeit, Groteskheit und Grösse stellvertretend offenbaren, und Imhoof zieht mit seiner Cutterin Beatrice Babin traumwandlerisch sicher die Register, die sich ein grosser Regisseur im Lauf einer langen Karriere erarbeitet. Ein Meisterwerk im eigentlichen Sinn des Wortes, die Summe eines Schaffens.

Andreas Furler

Markus Imhoof, der Regisseur von «Das Boot ist voll» und «More Than Honey», zeigt Europas Umgang mit den Flüchtlingen in mächtigen Bildern und findet einen ruhigen Ton, der dennoch eine Wut ausdrückt über die Zustände in Aufnahmelagern und Schwarzarbeiter-Ghettos. Vielerorts findet er zutiefst widersprüchliche Entwicklungen, im Kern aber steht die Erinnerung ans Kriegskind Giovanna, das Imhoofs Eltern 1945 aufgenommen haben und dessen Geschichte viele Echos im Heute findet: Imhoofs lange Recherche ist nebenbei auch eine Autobiografie geworden.

Pascal Blum

Goldene Rettungsfolie statt einer goldenen Zukunft. Markus Imhoof zeigt gleich in den ersten Bildern seiner Doku die Flüchtlingsrealität. Der Schweizer Filmemacher hat auch diesmal einen privaten Zugang zu einem globalen Thema gefunden. Seine Familie hatte 1945 ein italienisches Flüchtlingsmädchen aufgenommen. Den offenen Blick des Kindes, das er damals war, nutzt er, um tief in das Thema einzutauchen. Er folgt den Flüchtlingen von den Schiffen über die Erstaufnahmelager bis hin zu Slums, in denen illegale Immigranten Tomaten ernten. So ist - endlich! - eine Doku entstanden, die Hintergründe und Strukturen der Flüchtlingskrise offenlegt.

Martina Knoben
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Variety, 26.07.2018

Von Guy Lodge

© Alle Rechte vorbehalten Variety. Zur Verfügung gestellt vom Variety Archiv
Tages-Anzeiger, 22.02.2018
Zurück auf dem Boot

Die Spannung zwischen skizzenhaften Porträts und nüchterner Dokumentation

Von Pascal Blum

Als Kind hatte Markus Imhoof immer wieder den gleichen Traum: Er sass in einem Boot auf einer kochenden Griesssuppe und fürchtete sich, hineinzukippen. Mit der «Flüchtlingskrise» hat das erst einmal nicht viel zu tun. Aber natürlich ist der 76-jährige Winterthurer ja auch der Regisseur von «Das Boot ist voll», dem Drama aus dem Jahr 1980 über eine Schweiz, die Geflüchtete während des Zweiten Weltkriegs über die Grenze in den Tod schickte. Noch heute steckt darin der Zorn über eine organisierte Kälte, aber auch die Sympathie mit den kleinen Leuten, die halfen, wenn und wie sie konnten. Beides, die Wut und die Erinnerung an Solidarität, hat Imhoof angesichts der Frage, wie Europa heute mit seinen Flüchtlingen umgeht, wieder eingeholt und zu seinem neuen Dokumentarfilm gebracht.

«Eldorado» handelt von der grossen Schande und ihrer intimen Gegen­geschichte. Diese besteht in Imhoofs Erinnerung an Giovanna, ein italienisches Strassenmädchen, das 1945 im Zuge der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes von Imhoofs Eltern aufgenommen wurde. Dank der Aktion sollten sich kranke Kriegskinder, die Angehörige verloren hatten, in der Schweiz erholen. Imhoof zeigt «Wochenschau»-Material: magere Kinder mit hoffnungsvollen Blicken. Giovanna wird 1946 nach Mailand zurückgeschickt. Die Imhoofs können sie noch einmal zu sich holen, aber Giovanna stirbt sehr jung im Jahre 1950. Markus Imhoof war damals neun.

Seine Erinnerung an Giovanna ist die Erinnerung an die Kindheit, an Zeichnungen, Lieder und eben den Griesssuppentraum. Imhoof führt seither imaginäre Gespräche mit einer Toten, und es gelingt ihm der delikate Versuch, das für den Film nachzuinszenieren, indem er Giovannas Sätze einer Sprecherin in den Mund legt. Dazu kommt ein Off-Kommentar; Imhoof denkt etwa an die Erleuchtung in der Kindheit zurück, als er merkte, dass es andere gibt, die zu sich selber «ich» sagen, so wie er auch. Eine folgenreiche Erkenntnis für «Marcolino». Was hiess das für das «uns» der Familie, des Landes, dass es andere Ichs gibt, die uns erwartungsvoll anschauen?

Libyen, Chiasso, Riggisberg BE

Für Imhoof wird diese Entdeckung zu einer eigenen Philosophie des Univer­salismus, und die Geschichte von Giovanna wird zum Gefühlskern von «Eldorado». Von da strahlen die Verbindungen in viele Richtungen aus. Zuerst ins Mittelmeer, zur italienischen Kriegs­marine und der Crew des Flaggschiffs San Giusto, die 2014, noch zur Zeit der Operation Mare Nostrum, Menschen vor der libyschen Küste aus Booten zieht. Imhoof begleitete eine Aktion, kurz bevor die Operation eingestellt wurde. Er dokumentiert den Stress der Retter und die Logistikmaschinerie, die nötig ist, um Tausende Geflüchtete zu verarzten, zu verpflegen, zu klassifizieren.

Es sind so viele. Sie sind erschöpft, wirken aber auch geduldig, abwartend. Noch im Bauch des Kriegsschiffs kommen sie zur Triage. Sie werden auf Krankheiten wie Krätze untersucht – eines von mehreren Echos zwischen der Aktualität und der Zeit von Giovanna. Ein anderes sind die kaputten Schuhe, an die Imhoof zurückdenkt, wenn er die Kinder des Roten Kreuzes vor Augen hat. Die Schuhe, die er jetzt wieder filmt, wenn die Geretteten im Landungsboot in die San Giusto einfahren und das Welldeck betreten. Ein Teil fürs Ganze und ein Teil des Ganzen.

Von Süditalien zieht «Eldorado» eine Route in die Schweiz. Über ein Auf­nahmelager in Apulien, wo Imhoof nach monatelangen Verhandlungen die Dreherlaubnis erhielt und auf Flüchtlinge traf, die im Wartezustand verharren, führt die Linie zu den Schwarzarbeitern, die für ein paar Mafia-Euro Tomaten ernten. Sie zieht über die Grenze bei Chiasso, wo Imhoof einen dokumentarischen Glücksfall erlebt, den niemand erfinden könnte, sie führt in die Kollektivunterkunft Riggisberg BE mit ihren er­stickenden Zivilschutzräumen, sie landet irgendwann bei einer Befragung des Staatssekretariats für Migration.

Ausser Konkurrenz

Nicht alles ist zwingend an diesem Film, in dem es auch um Tomatenkonserven und Pflegeroboter geht. Und er kommt zu einer Zeit, in der die ambitionierte Flüchtlingsdoku, von Gianfranco Rosis «Fuocoammare» bis Ai Weiweis «Human Flow», ein eigenes Subgenre in den Festivalprogrammen begründet hat. 2016 gewann «Fuocoammare» an der Berlinale den Goldenen Bären; 1981 bekam Imhoof hier auch den Silbernen Bären für «Das Boot ist voll».

Dass «Eldorado» gestern seine Premiere ausser Konkurrenz hatte, ist deshalb wohl als kuratorische Prävention zu verstehen. Seine Nachforschungen jedenfalls haben Markus Imhoof noch viel weiter geführt, vor allem zu den Hotspots im Libanon. Hinter seinem Bürotisch in der Wohnung in Kreuzberg, wo er seit längerem wohnt, hängen auf drei Pinnwänden die bunten Post-its, die den Filmablauf aufschlüsseln. Es gebe eine fünfstündige Schnittfassung, erzählt er beim Besuch. Aber irgendwann musste er zum Wesentlichen kommen – schliesslich ist Markus Imhoof kein Regisseur, der nicht merken würde, wenn er die Recherche mit dem Resultat verwechselt.

Das Wesentliche ist, ähnlich wie bei «More than Honey», der intime Zugriff. Es ist im Kern ein Gefühl, das aus der Kindheit kommt. Die Entdeckung, dass ein «uns» keine Grenze ziehen soll. Der Verdacht, dass man trotz allem immer auf der sicheren Seite stehen wird. Die Gewissheit, dass, wenn man sich als Erwachsener an frühe Erinnerungen der Liebe hält, sich der Blick weitet, anstatt zuzumachen. Auch aus dem Grund, weil so jeder von uns eine reiche Vorstellung vom anderen hat und nicht eine Masse sieht, sondern Tausende von Ichs.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt vom Tages-Anzeiger Archiv
26.04.2018
Und wieder sind die Boote voll

Die Flüchtlings-Doku "Eldorado" ist ein erschütternder Film. Er legt die Strukturen und Zusammenhänge der globalen Waren-, Geld- und Menschenströme bloß - und verknüpft sie mit einer sehr persönlichen Geschichte.

Von Martina Knoben

Es ist eine bittere Pointe, mit der Markus Imhoof seinen Film eröffnet. Dünne, knittrige Rettungsfolie ist da zu sehen. Sie soll Flüchtlinge, die im Mittelmeer geborgen werden, vor Wind und Wetter schützen. Die Folie schimmert golden und entlarvt schon in diesen ersten Bildern von "Eldorado" den trügerischen Glanz Europas, des "Goldlandes", auf das sich der Filmtitel bezieht. Was die Migranten statt des erhofften Wohlstands im Westen erwartet, verfolgt der Dokumentarfilm mit beeindruckender Hartnäckigkeit. Angefangen bei der Rettung der erschöpften, traumatisierten Menschen durch die italienische Marine folgt er der Route der Flüchtlingsströme Richtung Norden. Er begleitet die Registrierung, Nummerierung und Verwahrung der Migranten in Lagern, schließlich die Abschiebung - oder Ausbeutung - der meisten von ihnen.

Es ist ein besonderes Motiv, das den Schweizer Filmemacher antreibt, das ihn penibel recherchieren und gleichzeitig intim erzählen lässt. Als Imhoof ein Kind war, während des Zweiten Weltkriegs, nahmen seine Eltern ein sogenanntes Rotkreuzkind bei sich auf. Es war ein fieser politischer Deal der neutralen Schweiz mit dem faschistischen Italien. Für jeden jüdischen Flüchtling, der über einen italienischen Hafen nach Amerika ausreisen wollte, musste die Schweiz ein unterernährtes italienisches Kind aufpäppeln. Giovanna hießt das Mädchen, das Imhoofs Eltern auswählten - es wurde die erste Liebe des kleinen Markus.

Die Begegnung mit ihr inspirierte schon Imhoofs Film "Das Boot ist voll" aus dem Jahr 1981, der für den Oscar nominiert wurde. Darin sucht eine Gruppe von Flüchtlingen während des Zweiten Weltkriegs Asyl in der neutralen Schweiz. Der Film ist eine bittere Bilanz der dortigen Flüchtlingspolitik. "In dieser Zeit galt ... die Formulierung: 'Flüchtlinge nur aus Rassegründen gelten nicht als Flüchtlinge', weil es davon am meisten gab", sagt Imhoof. "Heute gilt der Grundsatz: 'Flüchtlinge nur aus sozialer Not gelten nicht als Flüchtlinge', weil es davon am meisten gibt. Das Boot ist wieder voll."

In "Eldorado" verknüpft Imhoof die beiden Zeitebenen, springt zwischen Giovanna und den vielen aktuellen Flüchtlingsgeschichten hin und her. Ein, wie wir spät erfahren, imaginärer Dialog mit der erwachsenen Giovanna, Bilder und Briefe der Kinder begleiten die aktuelle Recherche des Filmemachers. Im Gespräch mit seiner Kinderfreundin reflektiert er, was er sieht: auf dem Seenotrettungskreuzer der Operation "Mare Nostrum", in einem italienischen Erstaufnahmelager oder in den von der Mafia kontrollierten Slums in Süditalien, wo viele landen, die keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen haben und illegal im Land bleiben.

Imhoof hat dort mit versteckter Kamera gedreht, es ist erschütternd, was er dokumentiert. Die Menschen hausen in Hütten ohne Strom und Wasser; die Frauen arbeiten als Prostituierte; die Männer schuften zwölf Stunden pro Tag auf Tomatenplantagen für 30 Euro am Tag, die häufig nicht ausbezahlt werden, die Hälfte bekommt ohnehin der Capo. Und es ist nicht nur die Mafia, die von dieser Sklavenarbeit profitiert, erst diese Billigstlöhne machen die auch bei uns beliebten Tomatenkonserven so günstig. Auf diese Weise mehrt das globale Flüchtlingselend noch den Wohlstand des Westens. Europa mag ein "Eldorado" sein - aber eben nur für Europäer.

Die Spannung zwischen skizzenhaften Porträts und nüchterner Dokumentation

Imhoof legt auch weitere Strukturen und Zusammenhänge über die globalen Waren-, Geld- und Menschenströme bloß. Wie perfide das ist, macht das Beispiel eines Schwarzafrikaners deutlich, der sich bis in die Schweiz durchgeschlagen hat. Dort wird Asylsuchenden Geld angeboten, als Anreiz, in ihr Heimatland zurückzukehren. Der Afrikaner schlägt ein und will sich zwei Milchkühe von dem Geld kaufen. Was wie ein fairer Handel aussieht, entlarvt Imhoof jedoch als faulen Deal, bei dem wieder nur der Westen gewinnt. Gegen die subventionierten Milchlieferungen der EU hat der afrikanische Bauer mit seinen afrikanischen Kühen auf Dauer keine Chance.

Seinen vorangegangenen Film "More than Honey", 2012, über das weltweite Bienensterben, begann Imhoof im eigenen Garten. Und diese Verknüpfung von globalen Problemen mit dem eigenen Ich macht nun auch "Eldorado" so spannend. Dieses "Ich" ist ja nicht nur der Regisseur, der in den Gesprächen mit Giovanna (mit der freundlichen Erzählstimme von Robert Hunger-Bühler) über seinen Wunsch zu helfen spricht und daran verzweifelt, dass das Flüchtlingsproblem durch individuelles Helfen nicht zu lösen ist. Imhoof zeigt auch in der Masse der Flüchtlinge immer wieder Individuen. Während die Boat People zu Tausenden auf dem Deck des Seenotrettungskreuzers hocken, ihnen Helfer in Schutzanzügen und mit Mundschutz Nummern ans T-Shirt tackern, um ihrer Zahl Herr zu werden, entdeckt die Kamera von Peter Indergand eine schwarze Flüchtlingsfrau, die ein Kreuzzeichen schlägt, bevor sie das von den Rettern servierte Essen isst, oder die Frau, die mit vor Angst geweiteten Augen die Hand eines Marinehelfers hält.

Dies ist "das andere Ich", das Imhoof, wie er erzählt, erstmalig als Kind in der Begegnung mit Giovanna kennen und lieben gelernt hat. Es ist die Frau im süditalienischen Flüchtlingsslum, die sorgfältig ihre erbärmliche Hütte kehrt für ein bisschen Würde im Dreck, bevor sie dort Freier empfängt. Oder die Eritreerin Rahel, die Furchtbares auf der Flucht erlebte und nun in der Schweiz als Pflegehelferin arbeitet. In der Begegnung mit ihr unterläuft Imhoof leider der größte Lapsus des Films, wenn er - rhetorisch - fragt, von wem der Zuschauer im Alter lieber gepflegt werden wolle, von Rahel oder einem Pflegeroboter. Dieser utilitaristische Blick auf die Flüchtlingskrise ist aber glücklicherweise die Ausnahme. Vielmehr ist es die Spannung zwischen den skizzenhaften Flüchtlingsporträts und dem so nüchtern dokumentierenden wie wuchtig ikonografischen Blick auf den Flüchtlingsstrom, der Imhoofs Film so eindruckvoll macht und von anderen Flüchtlingsdokus wie "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi oder Ai Weiweis "Human Flow" unterscheidet. Moralische Fragen stellen sich hier mit noch einmal verschärfter Dringlichkeit.

Nachdem das Mädchen Giovanna eine Zeit lang bei der Familie Imhoof Zuflucht gefunden hatte, musste es aus politischen Gründen zurück. In Italien ist sie kurze Zeit später, als 14-Jährige, an den Folgen der Unterernährung gestorben.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
sennhausersfilmblog.ch, 21.02.2018

Von Michael Sennhauser

© Alle Rechte vorbehalten sennhausersfilmblog.ch. Zur Verfügung gestellt vom sennhausersfilmblog.ch Archiv
Tages-Anzeiger, 04.03.2018
«Man bemerkt den Rassismus erst an Land»

Markus Imhoof hat «Eldorado» gedreht, seinen Dokumentarfilm über Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Je näher er der Schweiz kam, desto mehr fiel ihm der Hass auf.

Von Pascal Blum

Sie haben 2014 eine Rettungsaktion der italienischen Marine begleitet. Wie haben die Flüchtlinge darauf reagiert, dass sie gefilmt werden?

Wir trugen ja alle weisse Schutzanzüge und Masken, wir sahen aus wie Zombies. Dazu war ich der älteste der ganzen Besatzung, die Leute hielten mich wahrscheinlich für einen Offizier. Es war unmöglich, 1800 Leute zu bitten, ein Formular mit ihrer Zustimmung zu unterschreiben. Sie hatten ja weder Adresse noch Handynummer, und wir hatten keine Dolmetscher. Uns ging es darum, die Menschen, die sonst nur als Statistik erscheinen, wirklich vorkommen zu lassen, ohne sie dabei auszubeuten.

Sie zeigen in «Eldorado» vieles als widersprüchlich. Die Blicke der Geretteten auf den Landungsbooten scheinen einerseits erwartungsvoll, andererseits auch misstrauisch: Warum werden wir gefilmt?

Man sieht in den Nachtaufnahmen, wie die Marinesoldaten Panik bekommen, weil sich die Flüchtlinge alle auf einer Seite des Gummibootes sammeln und das Boot kippen könnte. Das ist eine der heikelsten Situationen während der ganzen Flucht. Viele sind auch seekrank, und dann treffen sie auf uns Zombies . . . Noch heikler war die Situation mit den Fingerabdrücken, die den Flüchtlingen nach der Ankunft in Italien abgenommen werden. Manche wollen nicht, dass das getan wird. Auch das wollte ich zeigen. Aber der Polizist durfte die entscheidende Frage, was geschieht, wenn sich jemand weigert, nicht beantworten.

Eines durften Sie auf dem Marineschiff nicht filmen: als einmal eine Meuterei drohte.

Die Marine hat mir nicht alles erlaubt. Es gab auf dem Schiff Mitarbeiter des Geheimdienstes, die versuchten, anhand der Flüchtlingsboote das Vorgehen der Schlepper nachzuvollziehen. Wir durften auch nicht filmen, wie die Schiffe nach der Rettung der Flüchtlinge versenkt werden. Die Meuterei drohte, als etwa 500 Geflohene wegen eines aufziehenden Sturms wieder unter Deck wollten. Es gab auf dem Schiff Marineinfanteristen, die mit Schlagstock und Pistole bewaffnet sind. Die Situation war brenzlig; was wäre geschehen, wenn sich 500 Flüchtlinge wehren? Sie sind ja in der Übermacht auf dem Marineschiff.

Unter den Flüchtlingen sind viele junge Männer. Teils sind da ziemliche Aggressionen im Spiel.

Wer ganz arm ist, kann sich ja die Flucht nicht leisten. Viele, die kommen, haben von ihrer Familie, von ihrem Dorf den Auftrag erhalten: Geht und schickt uns Geld! Vor allem in Westafrika ist es verbreitet, dass man weniger von Flucht denn vom Abenteuer spricht: «Je suis parti à l’aventure.» Auf den Geflohenen lastet deswegen ein grosser Druck. Sie fahren als Auserwählte übers Meer und wollen nicht als Versager zurückkehren. Ich weiss von zurückgeschickten Nigerianern, die aus Scham nicht nach Hause gehen und sich irgendwie in der Hauptstadt Abuja durchschlagen.

Die Operation Mare Nostrum zur Rettung von Flüchtlingen wurde 2014 eingestellt. Seither ist die Zahl der Ertrunkenen gestiegen.

Ich dachte schon damals: Wir sind jetzt mit dem Schiff vor der libyschen Küste. Wir könnten eigentlich gleich ein bisschen weiterfahren, bis ans Land, sodass die Menschen gar nicht erst ihr Leben riskieren müssen. Es gibt aber zynische Spielregeln. Anscheinend muss einfach ein gewisses Mass an Leiden erduldet werden, bis man Hilfe bekommt.

Sie haben auch lange im Libanon recherchiert. Weshalb ist dieser Teil jetzt nicht mehr im Film?

Der Film dauerte einmal fünf Stunden und war der Hammer. Im Libanon habe ich unter anderem eine neunköpfige Beduinenfamilie aus Syrien begleitet, die das UNHCR in Sicherheit hätte bringen wollen. Diesen Strang wollte ich mit dem Mittelmeer gegenschneiden. Aber es wurde irgendwann zu kompliziert. Viel schwieriger wurde alles, als der Vater der Beduinenfamilie vor der Kamera im Viersternhotel in Beirut tot umgefallen ist. Wie geht man damit um?

Sie haben sich dann auf die Route der Flüchtlinge von Italien in die Schweiz konzentriert.

Das war die Lösung. Die Erzählhaltung sollte sein: Wie werden die Flüchtlinge behandelt? Bei der Ankunft in Italien herrscht ein riesiger logistischer Aufwand, der durch die Masse eine gewisse Grausamkeit bekommt, die Menschen bekommen zum Beispiel Nummern ­angetackert. Ich habe auf dem Marineschiff aber niemanden getroffen, der abschätzig über Flüchtlinge geredet hätte. Man bemerkt den Rassismus erst an Land, in Italien und je näher der Film an die Schweiz herankommt. In Riggisberg im Kanton Bern haben die Nachbarn verlangt, dass der Abgang zum Zivilschutzkeller, in dem die Flüchtlinge untergebracht waren, mit Platten abgedeckt wird, damit sie die Schwarzen nicht anschauen müssen. Es gab auch eine Beschwerde, weil einer der Flüchtlinge durch eine Strasse mit Fahrverbot gegangen ist. Zu Fuss!

Sicher können Sie jetzt diese Frage beantworten: Woher kommt die Engherzigkeit, der Hass der Leute, wenn es um Flüchtlinge geht?

Der heimliche Kern von «Eldorado» ist ja meine Entdeckung aus der Kindheit, dass der andere zu sich selber auch «ich» sagt. Als philosophische Erkenntnis ist das vielleicht ein wenig peinlich. Aber im Film sage ich es als Kind, das macht es leichter. Es ist ein Grunderlebnis. Und dann geht es um Empathie. Ich denke, Empathie entsteht in der Familie. Man lernt dort den Vorteil von Zusammenarbeit, auch wenn sie die Individualität eigentlich einschränkt. Diese Erkenntnis dehnt sich später aus, auf die Schulklasse, auf die ganze Schweiz. Dann beginnt aber bald die Abgrenzung. Man fragt sich, wer nicht mehr dazu­gehört. Das heisst, dass Empathie gleichzeitig ihr Gegenteil provoziert, den Ausschluss der anderen. Am Ende geht es immer um den eigenen Gartenhag.

Also ums Eigentum?

Die Frage ist: Wo verläuft die Grenze? Das ist auch meine Erinnerung als Kind, als man mir sagte, mein Vater stehe an der Grenze. Ich fragte mich: Was bedeutet das? Als Kind habe ich mir Hitler ­immer mit einer violetten Zipfelmütze vorgestellt, weil ich violett so eine fürchterliche Farbe fand. (lacht)

Zentral für den Film sind Ihre Kindheitserinnerungen an Giovanna, das Strassenmädchen aus Italien, das Ihre Eltern 1945 im Zuge der Kinderhilfe des Roten Kreuzes zu sich nahmen und das dann sehr jung gestorben ist.

Erst habe ich es nicht gewagt, das zu zeigen. An einer Produktionsbesprechung in Berlin habe ich dann aber von Giovanna erzählt und plötzlich zu weinen begonnen. Da habe ich gemerkt: Du musst es zulassen. Es gibt im Film nun Gespräche, die ich mit ihr führe. Die habe ich nicht erfunden, sondern sie sind bei mir präsent als Gespräche mit einer Toten. Ich trage sie immer bei mir. Aber das in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist noch einmal eine andere Sache.

Sie ziehen viele Verbindungen zwischen 1945 und der Situation im Mittelmeer. Eine davon sind die kaputten Schuhe, die die Kriegskinder damals trugen. Hatten Sie beim Dreh auf dem Marineschiff immer im Hinterkopf, dass Sie die Schuhe filmen müssen?

Schuhe waren schon während der Recherche immer wieder ein Thema, auch wegen der Flucht durch die Wüste: Wenn du da die Schuhe verlierst, kann das schnell tödlich werden. Mir ist ein Satz der Autorin Carolin Emcke geblieben, als sie einmal bei einer Lesung über ihre Zeit als Kriegsreporterin gesprochen hat: «Für mich waren immer die Schuhbändel das Wichtigste, denn ohne sie kann ich nicht mehr fliehen.» In der Hoffnung, möglichst schnell vom Boot wegzukommen, lassen die Flüchtlinge einen Haufen Schuhe zurück, das sieht aus wie im Holocaustmuseum.

Wenn man einen Dokumentarfilm über Flucht dreht, sorgt man sich dann, dass andere schneller sind?

Man interessiert sich natürlich dafür, wer das Thema auch gerade bearbeitet. Ich wusste, dass Ai Weiwei in der Flüchtlingssache unterwegs ist und «Human Flow» dreht. Von der italienischen ­Marine wusste ich, dass Gianfranco Rosi daran ist, einen Flüchtlingsfilm zu machen, in dem die Marine auch eine Rolle spielt; daraus wurde «Fuocoammare».

Sieht man sich da in einem ­Konkurrenzverhältnis?

Ich habe damals die Premiere von «Human Flow» besucht. Der Film wurde in 23 Ländern gedreht, da hat mich schon interessiert, was er alles abdeckt und wo er sich allenfalls mit «Eldorado» überschneidet. Sowieso haben mir meine Freunde immer wieder gesagt: Du kommst eh viel zu spät, das Thema ist längst abgegessen. Dabei wird es uns noch jahrelang beschäftigen.

Gibt es noch Themen, die Sie dokumentarisch angehen möchten?

Ich wollte mal einen Kinderfilm machen, der vom Geld handelt: ein rabiater Horrorfilm über Geld, aber für Kinder. Ich habe eigentlich gesagt, dass ich jetzt aufhöre. Aber das wäre etwas, was mich noch reizen würde.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt vom Tages-Anzeiger Archiv
Interview mit Regisseur und Besprechung
nn / WDR
de / 26.04.2018 / 6‘15‘‘

Porträt von Imhoofs Filmschaffen
/ SRF
de / 20.02.2018 / 12‘01‘‘

Markus Imhoof bei Markus Lanz
/ ZDF
de / 24.04.2018 / 15‘51‘‘

Berlinale: Press Conference Highlights
nn / Berlinale
en / 21.02.2018 / 5‘34‘‘

Diskussion über den Film
Von / tele-stammtisch.de
de / 23‘14‘‘

Filmdateno

Genre
Dokumentarfilm
Länge
90 Min.
Originalsprachen
Deutsch, Italienisch, Englisch, Kurdisch
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Markus ImhoofRegie
Markus ImhoofDrehbuch
Peter IndergandKamera
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Interview mit Regisseur und Besprechung
WDR, de , 6‘15‘‘
s
Porträt von Imhoofs Filmschaffen
SRF, de , 12‘01‘‘
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Markus Imhoof bei Markus Lanz
ZDF, de , 15‘51‘‘
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Berlinale, en , 5‘34‘‘
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gGeschrieben
Besprechung Variety
Guy Lodge
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Besprechung Tages-Anzeiger
Pascal Blum
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Besprechung Süddeutsche Zeitung
Martina Knoben
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Besprechung sennhausersfilmblog.ch
Michael Sennhauser
s
Interview mit Regisseur Markus Imhoof
Tages-Anzeiger / Pascal Blum
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Diskussion über den Film
tele-stammtisch.de / de / 23‘14‘‘
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