La graine et le mulet
Abdellatif Kechiche, Frankreich, 2007o
Der gebürtige Tunesier Slimane wird nach 35 Jahren als Hafenarbeiter im südfranzösischen Sète entlassen und will ein altes Frachtschiff zu einem Couscous-Restaurant umbauen. Mangels Erfahrung mit Kochen, Banken und Behörden ist der Sechzigjährige auf die Unterstützung seiner Exfrau, Söhne und Töchter und seiner fürsorglichen Stieftochter angewiesen. Als die halbe Stadt zu einem Bankett zusammenkommt, mit dem sich Slimane beweisen will, häufen sich dort die Pannen.
Wer kennt nicht das Wohlgefühl einer Tafelrunde, zu der alle in einer Familie beigetragen haben und die sich mit Schlemmereien, Gesprächen und Gewitzel über Stunden hinzieht? Das legendäre internationale Durchbruchswerk des Frankotunesiers Abdellatif Kechiche – nach drei Filmen, in denen sich schon ein Ausnahmetalent ankündigt hatte – dreht sich um zwei solche Runden in der mediterranen Hafenstadt Sète. Bei der ersten trifft sich die ursprüngliche Familie des tunesischen Einwanderers und langjährigen Hafenarbeiters Slimane zu einem Couscous mit Fisch, auf das seine Exfrau zusammen mit den gemeinsamen Töchtern und Schwiegertöchtern ihre ganze Kochkunst und Liebe verwendet hat. Bei der zweiten hat Slimane auf Initiative seiner kämpferischen Stieftochter (Hafsia Herzi in ihrer umwerfenden ersten Rolle) die Leithammel der Stadt auf ein umgebautes Schiffswrack am Quai eingeladen, um zu beweisen, dass er fähig wäre, dort ein Couscous-Restaurant zu führen. Dazwischen liegt eine Odyssee von Bemühungen und Erniedrigungen, die von Slimanes Entlassung kurz vor der Pensionierung über Potenzprobleme mit seiner langjährigen zweiten Lebenspartnerin, Bittgängen zu Banken und Behörden bis zum grossen Bankett führt, das während nervenaufreibenden siebzig Minuten von einer (Beinahe-)katastrophe zur nächsten schlittert. Das Einzigartige ist dabei, dass nicht nur die beiden Essen, sondern praktisch der ganze Film aus epischen Szenen mit Handkamera und Grossaufnahmen, bunt gemischten Laien- und Profidarsteller:innen besteht – und dies alles so lebensecht wirkt, dass man die Inszenierung fast vergisst. Doch damit nicht genug. Kechiches exzessiver Naturalismus verwischt alle Trennlinien: Kluge oder dumme, liebenswerte oder enervierende Menschen? Eingewanderte, Einheimische, Tragödie, Happy End? Der Immigrantensohn setzt so kompromisslos auf die Mündigkeit seines Publikums, dass es nicht nur selbst urteilen, sondern das aufwühlende Drama selbständig zu Ende denken muss: Worin mündet die Sisyphusarbeit der Millionen, die anderswo ein besseres Leben suchen und keinerlei Gewissheit haben, ob sich ihre Anstrengungen je auszahlen? Schauen Sie selbst!
Andreas Furler
