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Bäckerei Zürrer

Kurt Früh, Schweiz, 1957o

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Der verwitwete Zürrer besitzt eine Bäckerei im Zürcher Langstrassenquartier und muss drei Kinder alleine grossziehen. Sein ältester Sohn stielt ihm das letzte Geld, die Tochter verlässt ihn und der jüngste Sohn, der die Bäckerei übernehmen sollte, hat sich mit der Tochter eines italienischen Kleinhändlers liiert. Enttäuscht verkauft Zürrer schliesslich seine Bäckerei.

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Tages-Anzeiger, 21.06.2018
Die «Bäckerei Zürrer» kommt zurück an die Langstrasse

Eine Woche lang ist der Streifen im Zürcher Kino Kosmos zu sehen. Und der Filmklassiker zeigt: Früher war gar nicht alles besser.

Von Tina Fassbind

Da steht ein brandneues Rennrad auf der Offenen Rennbahn Oerlikon. Zwei junge Männer blicken bewundernd auf es herab und diskutieren dessen Vorzüge. Es ist eine Szene, die sich genau so in diesem Augenblick abspielen könnte – wären die Männer nicht so hipster-atypisch glattrasiert. Auch der Slang der beiden bei der Verhandlung über den Kaufpreis ist seltsam antiquiert. «Du, de Schnapper mues ich ha! Jetzt mues de Vatter eifach de Chlotz füre mache» - «Isch guet, aber de Chlütter mues hüt uf de Tisch. 300 Stei! Übergab am achti vor em Kino Roland.»

Es ist eine Szene des Films «Bäckerei Zürrer» aus dem Jahr 1957. Heini, der Sohn von Bäckermeister Zürrer, will gerade sein sauer verdientes Geld in dieses Rennrad stecken. Doch es sollte alles anders kommen. Denn da ist auch noch Gina, die schöne Tochter des italienischen Gemüsehändlers Pizzani. Und was sie ihrem Geliebten zu sagen hat, bringt alles durcheinander.

Alles ganz anders und doch bekannt

Aber an dieser Stelle soll nicht zu viel verraten werden. Die Geschichte der Familie Zürrer, die an der Zürcher Langstrasse eine Bäckerei betreibt, ist in dieser Schweizer Filmperle ohnehin fast schon zweitrangig. Wer die Tragikomödie von Regisseur Kurt Früh heute anschaut, dürfte vor allem von den Bildern des Quartierlebens jener Zeit fasziniert sein: die Kleider, die Autos, die Waren. Alles ist so ganz anders und doch aufgrund des Settings im Chreis Cheib nicht völlig unbekannt.

Diese Mischung hat es Filmemacher Samir angetan. «Bäckerei Zürrer» sei einerseits sehr auf die lokalen Gegebenheiten ausgerichtet, andererseits hätte die Geschichte überall auf der Welt spielen können. «Die Probleme zwischen Jung und Alt, die grossen Gefühle sind nicht an den Chreis Cheib gebunden, trotzdem ist vieles am Film typisch für dieses Quartier, das zu jener Zeit zum landesweiten Mythos wurde.»

Der Beginn der Gentrifizierung

Seit rund einem Jahr ist das Kulturhaus Kosmos, das Samir mitinitiiert hat, Teil dieses Mythos. Und weil sich der Chreis Cheib allein seit der Eröffnung wieder enorm verändert hat, will er die Geschichte dieses Ortes wieder aufleben lassen und zeigt dazu den Filmklassiker ab dem 12. Juli eine Woche lang im Kosmos. «Wir wollen jüngeren Generationen die Möglichkeit geben, diesen Film im Kino zu sehen, damit sie erleben können, wie damals die Veränderungen im Quartier angefangen haben.»

Erstaunlich aktuell und politisch sehr gescheit sei der Film, schwärmt Samir. «Da ist alles drin, was noch heute Brisanz hat, und die Handlung greift Dingen vor, welche die heutige Gesellschaft prägen.» So hat Früh als erster Schweizer Regisseur die Einwandererproblematik und das multikulturelle Zusammenleben auf die Leinwand gebracht. Auch das Thema Gentrifizierung ist in diesem Film bereits spürbar, wenn ein findiger Makler dem alten Bäcker das Haus an der Langstrasse abkaufen, es abreissen und an seiner Stelle eine Garage bauen will. «Ich sehe mir das Objekt noch an», sagt er dem Bäckermeister, «aber es geht uns ja mehr um den Boden.»

Flirten auf der Langstrasse

Fast identisch mit der heutigen Situation an der Langstrasse sind auch die Szenen vom abendlichen Ausgang im Film: Auf dem Trottoir ist der Teufel los. Wenn alles zum «Schwofen» loszieht, wird geflirtet, was das Zeug hält und auf der Tanzfläche ist es ebenso eng wie Samstagnacht im Club Zukunft. Sogar Blind Dates gab es damals schon, wie eine herzerwärmende Liebesgeschichte zwischen der Zürrer-Tochter Trudi und einem Unbekannten zeigt. In Prä-Tinder-Zeiten wurden die Treffen allerdins noch per Annonce eingefädelt.

Samir ermöglicht mit der Programmierung des Filmklassikers dem Publikum eine rund zweistündige Zeitreise. Dabei gehe es nicht darum, Vergangenem nachzutrauern oder Altes wiederzubeleben. «Wir finden es einfach wichtig, dass man die sozialen Veränderungen seit jener Zeit versteht und einen Bogen schlagen kann von damals zu heute.»

Primär sollen die Zuschauer aber einfach auch Spass haben. «‹Bäckerei Zürrer› ist nämlich nicht nur politisch hochaktuell, sondern auch eine wunderschöne, multikulturelle Liebesschmonzette, die das Herz rührt. Wir finden den Film sogar so gut, dass wir uns überlegen, ihn jeden Sommer ins Programm aufzunehmen.»

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt von Tages-Anzeiger Archiv
SRF, 23.03.2015

Von Benedikt Eppenberger

© Alle Rechte vorbehalten SRF. Zur Verfügung gestellt von SRF Archiv
SRF, 11.04.2015

Von Felix Aeppli

© Alle Rechte vorbehalten SRF. Zur Verfügung gestellt von SRF Archiv
"Mein General Motors Abenteuer" (Imagefilm von Kurt Früh)
/ Condor Films
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Filmdateno

Genre
Drama
Länge
104 Min.
Originalsprachen
Schweizerdeutsch, Deutsch
Bewertungen
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ØIhre Bewertung6.9/10
IMDB-User:
6.9 (108)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Emil HegetschweilerBäckermeister Zürrer
Ettore CellaRenzo Pizzani
Margrit WinterTrudi Zürrer
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Bonuso

iGefilmt
"Mein General Motors Abenteuer" (Imagefilm von Kurt Früh)
Condor Films, de , 31‘02‘‘
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Hommage an Emil Hegetschweiler
Diverse, de , 10‘11‘‘
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gGeschrieben
Besprechung Tages-Anzeiger
Tina Fassbind
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Besprechung SRF
Benedikt Eppenberger
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