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Still Alice

Richard Glatzer, Wash Westmoreland, USA, GB, Frankreich, 2014o

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Alice steht in der Blüte ihres Lebens als Sprachwissenschaftlerin, glückliche Ehefrau und Mutter von drei erwachsenen Kindern, als sie die Diagnose Alzheimer erhält. Sie wehrt sich verzweifelt gegen den rasch fortschreitenden Zerfall, kann ihn aber letztlich nicht aufhalten und entgleitet ihrer Welt und sich selbst unaufhaltsam.

Den beiden Regisseuren Richard Glatzer und Wash Westmoreland ist mit «Still Alice» ein eindrücklicher Film über eine der häufigsten Krankheiten der westlichen Welt gelungen. Julianne Moore brilliert in der Titelrolle mit ihrem nuancierten Spiel. Wäre es aber nicht an der Zeit, weitere interessante Rollen für Schauspielerinnen ihres Kalibers und Alters zu schreiben? Sie müssten ja nicht immer den geriatrischen Themenbereich abdecken. Oscar für Julianne Moore.

Christa Haeseli

Eine Frau erkrankt an Alzheimer – und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Mit viel Gefühl für leise Töne haben Richard Glatzer und Wash Westmoreland den Roman von Lisa Genova verfilmt. Aber es ist dann vor allem der Film von Julianne Moore – sie ist in jeder Szene, und sie spielt Alice mit so vielen Nuancen, dass man beginnt, Dinge zu verstehen, die kaum zu begreifen sind.

Susan Vahabzadeh

Galerieo

Variety, 09.09.2014

Von Owen Gleiberman

© Alle Rechte vorbehalten Variety. Zur Verfügung gestellt vom Variety Archiv
The New York Times, 04.12.2014

Von A.O. Scott

© Alle Rechte vorbehalten The New York Times. Zur Verfügung gestellt vom The New York Times Archiv
Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2015
In Liebe für den Augenblick

Richard Glatzer und Wash Westmoreland erzählen vom psychischen Zerfall einer Linguistikprofessorin, die früh an Alzheimer erkrankt. Für ihre Darstellung hat Julianne Moore just einen Oscar gewonnen.

Von Björn Hayer

Anfangs sind es Aussetzer, kleine Vergesslichkeiten, entfallene Worte. Doch auf einmal wird die Welt mit jedem Tag fremder, bis schliesslich die katastrophale Erkenntnis offenbar wird: Alzheimer im Frühstadium sorgt für einen sich spiralförmig ausbreitenden Gedächtnis- und Kognitionsverlust. Ohne sich falscher Sentimentalität zu bedienen, schildern die Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland in ihrem Film «Still Alice» den Zerfall einer Linguistikprofessorin. Dass es gelingt, diesen schleichenden Identitätsverlust mit Feinsinnigkeit und höchster Authentizität zu dokumentieren, verdankt sich einerseits einer fabelhaften Julianne Moore, welche für ihre rührende Fragilität nun endlich mit dem lange ersehnten Oscar prämiert wurde, andererseits aber auch einem überzeugenden Werkdesign: Immer wieder binden die Regisseure die Perspektive des Zuschauers an jene sich verstärkenden Desorientierungen von Alice Howland. Bilder werden unscharf, Over-the-shoulder-Einstellungen schränken das Sichtfeld des Publikums ein, lassen uns Enge und Hilflosigkeit förmlich mitfühlen.

Doch diese formvollendete Adaption des gleichnamigen Romans der Neurowissenschafterin Lisa Genova (2009) lediglich als Krankenbericht zu verstehen, würde der Komplexität der Erzählung nicht gerecht. Denn im eigentlichen Sinne handelt es sich um einen Familienfilm, der das Potenzial zu einer versierten Gesellschaftsdiagnose in sich trägt. Statt Alice ausschliesslich in ihrer zunehmenden Isolation zu bebildern, richten die Regisseure ihr Augenmerk vor allem auf das diffizile Problemfeld der Angehörigen. Während sich John (Alec Baldwin), der Ehemann der Protagonistin, mit der neuartigen Situation völlig überfordert fühlt und Vorbildtochter Anna (Kate Bosworth) am Wissen um die Vererblichkeit der Krankheit zu verzweifeln droht, entpuppt sich deren Schwester und melancholische Tagträumerin Lydia (Kristen Stewart) bald als Alices zuverlässiger Anker.

Klug stellen Glatzer und Westmoreland die Zeitverhältnisse der beiden Frauen als bindendes Glied heraus. Nachdem die Akademikerin ihrer sich mit Schauspieljobs über Wasser haltenden Tochter jahrelang die fehlende Stetigkeit und die mangelnde Zukunftsperspektive vorgeworfen hat, treffen sich die unterschiedlichen Charaktere nun mit jedem Morgen, an dem Alice ein weiterer Teil ihrer Vergangenheit verloren gegangen ist, immer mehr in der Mitte der Gegenwart. Gerade weil Lydia offen in den Augenblick hinein lebt, weiss sie diesen mit ihrer Mutter zu teilen. Sie empfindet die Karrierepläne der übrigen Familienmitglieder als nichtig, sucht nicht die menschlich nachvollziehbare Flucht, sondern stellt sich ihrer Verantwortung im Bemühen um die letzten gemeinsamen, noch wachen Tage.

Von einem Gestern bleiben bald nur noch Erinnerungsvideos vom Haus am Meer, von Strandspaziergängen – nostalgische Überblendungen über ein instabiles Hier und Heute. So versteht sich «Still Alice» als Plädoyer für ein Carpe diem. Die Zeit gewinnt an Wert und Intensität, je mehr sie zu schwinden droht. Bei aller erwartungsgemässen Aporie und trotz einem missglückten Suizid der tragischen Heldin siegt am Ende ein Gefühl der Liebe von zeitloser Schönheit. Alice bleibt, obschon sie in diesem Moment der Geschichte unserer Welt fremd geworden ist, noch immer Alice. Auf diese Weise machen Richard Glatzer und Wash Westmoreland das Unmögliche möglich: Sie erzählen vom Zerfall, dem bis zuletzt nichts Lächerliches oder Entmenschlichtes anhaften wird. Im Gegenteil, die Kraft der Bewährung und das ungebrochene Durchhaltevermögen verleihen der Protagonistin ihre Würde.

© Alle Rechte vorbehalten Neue Zürcher Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Neue Zürcher Zeitung Archiv
04.03.2015
Der Schmetterling sagt dir, wenn es Zeit ist zu gehen

Sie hat diese Kraft, die uns hinreißt und tröstet, und wurde für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichnet: Julianne Moore als Alzheimer-Patientin in „Still Alice“.

Von Andreas Kilb

Heißt der Mann Smith? Oder White? Und wohnt er in der Washington oder der Baltimore Street? Alice Howland weiß es nicht mehr, dabei hat sie es erst vor zwei Minuten erfahren. Aber die Adresse von Mr. White oder Mr. Black oder Smith hat sich in ihr in Luft aufgelöst, in einen dunklen Fleck, der sich dort ausbreitet, wo früher einmal ihr Gedächtnis war. Und wie hieß noch mal die neue Freundin ihres Sohnes?

Ein Arzt sitzt Alice gegenüber, er sagt: „Wir machen jetzt einen Test“ - und vielleicht wäre alles leichter, wenn dies tatsächlich nur eine Probe wäre, ein Spiel mit den Möglichkeiten des Lebens. Doch es ist der Ernstfall. Ein Verdacht steht im Raum, und der Test wird ihn bestätigen. So bekommt der dunkle Fleck in Alice’ Kopf einen Namen: Alzheimer.

Für den Oscar geschaffene Rolle

Es gibt ein Genre im Kino, das die großen Schauspieler und die großen Preise anzieht wie das Licht die Falter. Man möchte es nicht den Leidensfilm nennen. Aber genau davon handelt es: Krankheiten, Süchte, Gebrechen, meist unheilbare. Liz Taylor hat eine Alkoholikerin gespielt (nach eigenem Vorbild) und dafür einen Oscar bekommen. Dustin Hoffman hat einen Autisten gespielt, Nicole Kidman die depressive Selbstmörderin Virginia Woolf, und beide bekamen dafür einen Oscar. Es war also zu erwarten, dass auch Julianne Moore für ihre Rolle der Alice Howland in „Still Alice“ einen Oscar gewinnen würde. Der Film lädt dazu ein, virtuos zu sein, erschütternd. Und dennoch staunt man als Zuschauer darüber, was Julianne Moore aus dieser Einladung gemacht hat. Wie sie sie angenommen hat. Und, noch wichtiger, wie sie sie ausgeschlagen hat.

Zum Beispiel die Szene, noch im ersten Drittel des Films, in der Alice beim Joggen auf dem Campus der Columbia University, wo sie Linguistik lehrt, die Orientierung verliert. Eine Schauspielerin, die es auf theatralische Wirkung anlegte, würde jetzt die Augen aufreißen, ihren Atem beschleunigen und ihren Kopf in alle Richtungen drehen, um den Eindruck tiefer Hilflosigkeit zu verstärken. Julianne Moore tut erst einmal nichts. Sie schaut noch nicht einmal um sich. Sie starrt vor sich hin. Sie gefriert. Und in diesem vereisten Zustand entfernt sich die Welt von ihr. Die Dinge werden unscharf, die Perspektiven beginnen zu bröckeln. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis Alice wieder weiß, wo sie ist, aber Julianne Moore dehnt diese Augenblicke zu einer Ewigkeit.

Der Film macht die Situation begreiflich

Oder der Moment, schon viel näher am Ende der Geschichte, in dem Alice in ihrem Ferienhaus am Atlantik die Toilette nicht mehr findet. Sie öffnet alle Türen im Erdgeschoss, eine nach der anderen, aber sie reißt sie nicht auf, sondern greift nach den Klinken wie eine Fremde, tastend, fragend, ungewiss. Und dann passiert, was passieren muss, doch der Film zeigt es nicht, er betrachtet nur die Miene ihres Ehemanns (Alec Baldwin), als er die Situation begreift, und dann das Gesicht von Alice, die sich von ihm mit nasser Hose in ihr Schlafzimmer bringen lässt, fassungslos und fügsam wie ein Kind.

Die Klugheit der Regie ist die eigentliche Überraschung dieses Films. „Still Alice“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Autors und Regisseurs Richard Glatzer und seines Lebensgefährten Wash Westmoreland, und weil Glatzer an Amyotropher Lateralsklerose leidet und die Schauspieler beim Drehen mit Hilfe einer Sprach-App dirigieren musste, liegt es nahe, den Film autobiographisch zu lesen. Aber Glatzer und Westmoreland wollen davon nichts wissen. Lieber reden sie über Yasujiro Ozu und dessen Filmklassiker „Die Reise nach Tokio“, der mit dem Satz endet: „Das Leben ist eine Enttäuschung.“ In „Still Alice“ gibt es ein Echo davon in jenem Dialog, in dem Alice ihrer Tochter Lydia (Kristen Stewart) erklärt, was sie empfindet, wenn das Vergessen einsetzt und sie die Bezeichnungen für die Dinge vor ihren Augen im Raum schweben sieht, ohne dass sie sie erreichen kann. Und Lydia sagt nur: „Das ist schrecklich.“

Diese unfassbare Kraft vor der Kamera

So könnte der Film aufhören. Aber natürlich endet er so nicht, denn „Still Alice“ ist bei aller Nüchternheit des Blicks immer noch ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Deshalb blenden Glatzer und Westmoreland die späten Stadien der Alzheimer-Krankheit aus, das nächtliche Herumirren, die hilflose Aggression, den totalen Selbstverlust der Patienten. Stattdessen geben sie Julianne Moore Gelegenheit, noch einmal jene unbegreifliche Kraft vor der Kamera zu entfalten, die man mangels besserer Begriffe als Präsenz bezeichnet.

Nein, es ist nicht Alice’ Rede vor der Alzheimer Society, mit der die Regisseure einen geläufigen Topos des amerikanischen Mainstream-Kinos abrufen. Es ist die Szene, in der die LinguistikProfessorin ihrem alten Ich gegenübertritt, dem Ich, das sie war, bevor sie ihren eigenen Namen zu schreiben verlernte. Dieses Ich, in eine Computerdatei namens „Butterfly“, „Schmetterling“, eingeschlossen, fordert sie auf, die Tabletten zu schlucken, die ihrem Leben ein Ende setzen. Aber Alice kann sich ihre eigenen Anweisungen nicht merken. Sie trägt ihr Notebook ins Schlafzimmer, wo sie die Schlaftabletten aufbewahrt, doch es hilft nichts. Das Leben, das sie nicht mehr hat, kann sie sich nicht nehmen.

Keine Sammlung von Klischees

Was uns „Still Alice“ erspart, wird klar, wenn man ihn mit dem anderen Alzheimer-Film vergleicht, der derzeit im Kino läuft. In Til Schweigers „Honig im Kopf“ sind alle Klischees zusammengerührt, mit denen man einen gesellschaftlichen Notstand zum Familienidyll entstellt: der nette Opa (gespielt von Dieter Hallervorden), bei dem der Rappel im Kopf die Reiselust weckt; die süße Enkelin, die ihn auf seinem Trip begleitet; ihre Eltern, die ihre Ehekrise dabei bewältigen; das Herzversagen, das den Kranken und uns von seiner Krankheit erlöst. Gerade wird gemeldet, dass „Honig im Kopf“ die Sechs-Millionen-Zuschauer-Grenze überschritten hat. Das Thema boomt. Der Markt ist heiß. Das Schlimmste kommt noch.

Julianne Moore hat jetzt ihren Oscar. Und wir haben einen Film, an dem wir das, was kommt, messen können. Das ist ein Trost.

© Alle Rechte vorbehalten Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Zeitung Archiv
Was passiert bei der Alzheimer-Krankheit?
Alzheimer Forschung / Alzheimer Forschung Initiative
de / 13.11.2013 / 6‘28‘‘

"Alzheimer mit 40" (Dokumentation)
Thomas Liesen / Eins Festival
de / 12.07.2014 / 58‘32‘‘

Julianne Moore: Crying scenes
Harry Hanrahan / Harry Hanrahan
de / 20.09.2010 / 3‘25‘‘

Interview with Director and Cast
David Poland / DP/30: The Oral History of Hollywood
en / 10.12.2014 / 33‘45‘‘

Interview with Directors Richard Glatzer and Wash Westmoreland
Von Ina Jaffe / NPR
en / 5‘04‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
Still Alice - Mein Leben ohne Gestern DE
Genre
Drama
Länge
101 Min.
Originalsprache
Englisch
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Julianne MooreDr. Alice Howland
Alec BaldwinDr. John Howland
Kristen StewartLydia Howland
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Bonuso

iGefilmt
Was passiert bei der Alzheimer-Krankheit?
Alzheimer Forschung Initiative, de , 6‘28‘‘
s
"Alzheimer mit 40" (Dokumentation)
Eins Festival, de , 58‘32‘‘
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Julianne Moore: Crying scenes
Harry Hanrahan, de , 3‘25‘‘
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Interview with Director and Cast
DP/30: The Oral History of Hollywood, en , 33‘45‘‘
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gGeschrieben
Besprechung Variety
Owen Gleiberman
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Besprechung The New York Times
A.O. Scott
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Besprechung Neue Zürcher Zeitung
Björn Hayer
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Besprechung Frankfurter Allgemeine Zeitung
Andreas Kilb
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hGesprochen
Interview with Directors Richard Glatzer and Wash Westmoreland
NPR / en / 5‘04‘‘
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