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Vitus

Fredi M. Murer, Schweiz, 2006o

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Vitus ist ein Bub wie von einem anderen Stern: Er hat einen IQ von 180, spielt wunderbar Klavier und liest schon im Kindergarten den Brockhaus. Kein Wunder, dass seine Eltern ihm eine grosse Karriere wünschen. Doch das kleine Genie bastelt lieber in der Schreinerei seines eigenwilligen Grossvaters, träumt vom Fliegen und einer normalen Jugend.

Galerieo

SRF, 14.04.2021
© Alle Rechte vorbehalten SRF. Zur Verfügung gestellt von SRF Archiv
01.02.2006
Von einem, der naiv werden musste

Nach langer Abwesenheit ist Fredi M. Murer («Vollmond») mit dem Drama eines hoch begabten Kindes zurück. Das Abenteuer ist geglückt.

Von Katrin Halter

Kinder sind bei Fredi Murer Erwachsenen oft um Nasenlängen voraus. In ihrer Verweigerung äussert sich ein Unbehagen gegen den Zeitgeist (wie in «Vollmond»), inihren Verrücktheiten liegt etwas Unverdorbenes und manchmal auch ein Wissen, zu dem diewenigsten Erwachsenen Zugang finden (wie in «Höhenfeuer»).

Auch Vitus Fredi Murers jüngste Figur, ist ein besonderes Kind: Schon beim 6-Jährigen(Fabrizio Borsani) entdecken dieEltern (Julia Jenkins und Urs Jucker) eine seltene musikalische Begabung. Und die Kindergärtnerin ist geradezu befremdet von Vitus apos; schneller Auffassungsgabe - das wird in den nächsten Jahren allen Lehrern ähnlich ergehen. Doch während sich die Mutter schon die Hände reibt angesichts der zukünftigen Pianistenlaufbahn ihres Sohnes, flieht der 12-jährige Vitus (Teo Gheorghiu) immer öfter zum Grossvater (Bruno Ganz) in dessen alte Schreinerei. Dort hat er Ruhe vor jeder Bevormundung, kann seinen Träumen vom Fliegen nachhängen und einen Plan zur Übertölpelung seiner Förderer aushecken.

Nun gibt es beim Drama des superbegabten Kindes auch Klischees und Vorbilder; man kennt sie etwa aus «Little Man Tate» von Jodie Foster. Dazu gehören die überambitionierten Erzieher des Jung-Genies genauso wie dessen Gefühl des Unverstandenseins oder der Konflikt zwischen emotionaler und(vorausgaloppierender) intellektueller Entwicklung. Das Schöne nun an Fredi Murers Film besteht darin, dass man solche Muster bald vergisst, weil Vitus nach einem etwas zögerlichen Anfang schnell an Eigenständigkeit und Zugkraft gewinnt - und abhebt. Das liegt auch am guten Drehbucheinfall, der dem Jungen ein Doppelleben andichtet (mehr soll hier nicht verraten werden). Und es liegt an der Leichtigkeit, mit der Murer seine Themen durchspielt und das Pathos meidet. Vielleicht spürt man hier auch den Einfluss von Koautor Peter Luisi («Verflixt verliebt»), der Murer half, sein ursprüngliches Drehbuch zu entschlacken. Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt nur Teo Gheorghiu, der am Klavier zwar sehr beeindruckt, schauspielerisch aber etwas ungelenk wirkt. Umso mehr ist Bruno Ganz als schwärmerischer Sentenzendrechsler und eigensinnig versponnener «Gebrauchsphilosoph» Murer eine echte Bereicherung für den Film.

© Alle Rechte vorbehalten züritipp. Zur Verfügung gestellt von züritipp Archiv.
Tages-Anzeiger, 01.02.2006
Verschmitzte Parabel einer Menschwerdung

Listig und verspielt: Fredi M. Murer erzählt im Spielfilm Vitus die Geschichte einer künstlerischen Initiation.

Von Nicole Hess

Das Lebendige braucht mehr Zeit. Die schöne Maxime eines unbekannten Denkers möchte man als Motto gleich zweifach über Fredi M. Murers neuen Film stellen. Denn erstens hat Vitus nach einer schmerzhaften Produktionsgeschichte, in der eine internationale Koproduktion auf ein nationales Low-Budget-Produkt reduziert werden musste, in ganz anderer Gestalt das Licht der Welt erblickt als ursprünglich intendiert; man vermutet: zu seinem eigenen Vorteil. Und zweitens handelt der Film davon, wie sich ein Kind mit ausserordentlicher künstlerischer Begabung den eigenen Weg bahnt.

Nachdem Vitus im Kindergartenalter als pianistisches Wunderkind entdeckt wird, ereilt ihn die Förderung eines Umfeldes, das es nur gut mit ihm meint. «Das sind Sie Ihrem Kind und der Musik schuldig», nimmt ein verhinderter Musiker Vitus apos; Mutter in die Pflicht. Und diese wiederum nimmt, das viel versprechende Geburtshoroskop des Sohnes im Hinterkopf, die Anbahnung der Pianistenkarriere an die Hand. Unter Kindertränen wechselt man den Lehrer, mit kindlichem Unverständnis wird das Handwerken in Grossvaters Schreinerei verboten. Weil aber Wachstum nur durch Reibung an Widerständen gelingen kann, lassen die Störaktionen nicht lange auf sich warten.

Der Sturz des Ikarus

Vitus erzählt eine Geschichte von Anpassung und Widerstand, und ihr Regisseur hiesse nicht Fredi M. Murer wenn dem Unterfangen nicht ein leise subversiver Ansatz innewohnte. Ironisch gebrochen zeichnet der Film, der auf einem von Murer, Peter Luisi («Verflixt verliebt») und Lukas B. Suter gemeinsam verfassten Drehbuch basiert, die Geburt eines Klaviervirtuosen aus dem Geist der List. Um sich den Ansprüchen und dem Druck des Elternhauses zu entziehen, das seinerseits unter gesellschaftlichem Erfolgszwang steht, verbunkert sich der Sechsjährige hinter dem Klavier - und sperrt die Eltern aus der Wohnung; sechs Jahre später, nachdem er sich dem Vortrag bei einer Koryphäe verweigert und Mutters Zorn auf sich gezogen hat, springt er mit einem Hängegleiter vom Balkon - und täuscht danach irreparable Gehirnschäden vor.

Die Kopfsprungszene ist der dramatische Höhepunkt einer Inszenierung, die auf einnehmende Weise Ernsthaftigkeit mit Spiel, Realismus mit Poesie und wohl dosierte Gesellschaftskritik mit einem Unterhaltungsanspruch paart. Schwebend leicht, mit einer Szene, in der wir den älteren Vitus - gespielt vom realen Wunderkind Teo Gheorghiu - sehen, wie er in ein umzäuntes Fluggelände eindringt, die Propellermaschine startet und abhebt, setzt der Film ein. Die Metapher des Fliegens, verstanden als Bild des Auf- und Ausbruchs in höhere Sphären, durchzieht das Drama leitmotivisch. Als Kleinkind ist Vitus fasziniert von den Fledermäusen, die erst noch über einen erstklassigen Gehörsinn verfügen, später zimmert ihm der Grossvater den Hängegleiter und erfüllt sich mit einem Flugsimulator, den er in die Scheune stellt, einen Bubentraum.

Nach dem atmosphärischen Einstieg wird die Kinderkarriere in einer grossen, linear erzählten Rückblende aufgerollt. In einer Mischung aus differenzierter Figurenzeichnung und sorgfältiger Milieuschilderung läuft der Film auf seinen dramatischen Höhepunkt zu, der gleichzeitig einen Wendepunkt markiert: Regiert in der ersten Hälfte die von Realismus getragene Schilderung des kleinfamiliären Alltags, hebt der Film nach dem Sturz des Ikarus ins Fantastische ab. Aus dem musikalisch gesegneten Jungen wird ein jugendliches Genie, das sich von einer Loftwohnung aus via Internet in die Börsenwelt schummelt, den Vater, einen Hörgeräteerfinder, zum Chef seiner Firma macht und Millionengewinne kassiert. Zum Schluss nimmt der Film noch einmal einen Genrewechsel vor: Er endet mit dokumentarischen Aufnahmen eines Konzertes in der Zürcher Tonhalle, bei dem der zwölfjährige Teo Gheorghiu, der aus Rüti stammt und in London ausgebildet wird, unter Leitung von Howard Griffiths Schumanns Klavierkonzert a-Moll spielt.

Flug ins Fantastische

Die Idee des Doppellebens, mit dem Vitus sein Umfeld an der Nase herumführt, ist bestechend. Und dies umso mehr, als dem Regisseur mit uns Zuschauern etwas Ähnliches gelingt. Lange Zeit fürchtet man mit den Eltern, dass Schumann und Bach, dessen «Goldberg-Variationen» zu Ehren kommen, für immer ausser Reichweite gelangt seien. Mit dem Wechsel ins fantastische Fach lässt sich der Film aber nicht nur vom Wunderkindmythos verleiten, den er zu Beginn in einer andeutungs- und auslassungsreichen Erzählweise klug umschifft; er verliert leider auch an Kohärenz.

Die Einwände können dem Gesamteindruck eines der schönsten und vielschichtigsten Schweizer Spielfilme der letzten Jahre jedoch nicht allzu viel anhaben. Die Einschätzung speist sich aus einer dreifachen Beobachtung. Mit ihrem theatererfahrenen Schauspielerensemble gelingen der Inszenierung wunderbar intime und luftige Momente. Während Julika Jenkins der undankbaren Rolle einer Mutter, die ihr Kind zum Karriereobjekt macht, eine selbstironische und witzige Note abringt, gibt Bruno Ganz den Grossvater voller Schalk. Eben noch als verkünstelter Hitler in «Untergang» zu sehen, legt er hier eine improvisatorisch anmutende Mundart-Performance hin, die in seiner Filmografie seit längerem ihresgleichen sucht.

Die Szenen, in denen der kauzige Alte mit seinem Enkel (der sechsjährige Vitus wird vom köstlichen Fabrizio Borsani gespielt) in der Parallelwelt eines Bauernhauses die Komplizenschaft pflegt, drücken dem Werk die Handschrift auf. In ihnen findet eine Verschmitztheit ihren Ausdruck, die das Kind nicht nur im Kind aufblitzen lässt. Hinzu kommt, dass dem Schulterschluss der Generationen im Film ein solcher auf Produktionsebene vorausging: Vitus ist als Gemeinschaftswerk zwischen Grossvätern (Murer, Ganz, der Kameramann Pio Corradi), des Schweizer Films und ihren Enkeln (Luisi, die junge Zürcher Produktionsfirma Hugo Films) entstanden; das Resultat ist ein erfrischend zeitgenössischer Autorenfilm.

Frappant ist an diesem Befund einzig, dass der Film thematisch und stilistisch an «Höhenfeuer» anknüpft. War der Bub im Bergdrama von 1986 gehörlos, verfügt Vitus nun über das absolute Gehör. Hiess die grosse Schwester damals Belli, trägt Vitus apos; Babysitterin jetzt den Namen Isabel. In beiden Filmen geht es um eine unmögliche Liebe; dort ist sie inzestuös, da verhindert der Altersunterschied die Verbindung. Und in beiden Fällen bildet ein kraftvolles Auftrumpfen der Natur - der Schnee, das Gewitter - den Hintergrund für die dramatische Wendung des Geschehens.

Die Einstellung aus Vitus , die am unmittelbarsten an «Höhenfeuer» denken lässt, zeigt den kleinen Pianisten und Isabel wie Bruder und Schwester nebeneinander auf dem Sofa liegen. In dieser Szene einer Vertrautheit blitzt nicht nur das historische Filmplakat auf. Es klingt in ihr auch eine mythische Dimension an. Fredi Murers Film handelt von einer künstlerischen Initiation. Die Frage, wie ein Mensch ins Leben findet, stellt sich aber mit jeder Existenz neu, egal, ob es sich um eine Künstlerbiografie handelt oder nicht. Vielleicht zeigt sie sich hier nur drängender, schärfer. Vor diesem Hintergrund ist Vitus auch als Parabel auf die Menschwerdung zu verstehen.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt von Tages-Anzeiger Archiv.
22.11.2006
© Alle Rechte vorbehalten critic.de. Zur Verfügung gestellt von critic.de Archiv
straight.com, 11.07.2007
© Alle Rechte vorbehalten straight.com. Zur Verfügung gestellt von straight.com Archiv
Variety, 30.08.2006
© Alle Rechte vorbehalten Variety. Zur Verfügung gestellt von Variety Archiv
Soirée en l'honneur de Fredi M. Murer
/ Cinémathèque suisse
fr / 12.10.2020 / 60‘46‘‘

Interview with Fredi M. Murer and Teo Gheorghiu
S.T. VanAirsdale / ReelerTV
en / 25.04.2007 / 4‘25‘‘

13 Jahre nach Vitus: Gespräch mit Teo Gheorghiu
Von / SRF
de / 05‘20‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
Vitus, l'enfant prodige FR
Genre
Drama, Kinder/Familie
Länge
100 Min.
Originalsprachen
Schweizerdeutsch, Englisch
Wichtige Auszeichnungen
Schweizer Filmpreis 2007: Bester Spielfilm
Bewertungen
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ØIhre Bewertung7.6/10
IMDB-User:
7.6 (4798)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Bruno GanzGrossvater
Teo GheorghiuVitus (12)
Fabrizio BorsaniVitus (6)
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Bonuso

iGefilmt
Soirée en l'honneur de Fredi M. Murer
Cinémathèque suisse, fr , 60‘46‘‘
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Interview with Fredi M. Murer and Teo Gheorghiu
ReelerTV, en , 4‘25‘‘
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gGeschrieben
Besprechung SRF
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Katrin Halter
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Nicole Hess
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hGesprochen
13 Jahre nach Vitus: Gespräch mit Teo Gheorghiu
SRF / de / 05‘20‘‘
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