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Giulias Verschwinden

Christoph Schaub, Schweiz, 2009o

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Ausgerechnet an ihrem fünfzigsten Geburtstag erfährt es Giulia am eigenen Leib: Alter macht unsichtbar. Aus Frust geht sie shoppen und trifft dabei einen Fremden, mit dem sie den Abend lieber verbringt als mit ihrer Geburtstagsgesellschaft. Diese wartet im Restaurant auf Giulia und sinniert angeregt über die vergangene Zeit.

Und nicht oft hat man das im Kino derart elegant, nämlich so locker und zärtlich brutal in Dialogen verstreut, erzählt und anschaulich gemacht bekommen wie in Giulias Verschwinden. (…) Die konkrete, realistische Originalität von Schaubs Film war ganz gut imstande, die Piazza für sich einzunehmen.

Christoph Schneider

Galerieo

Spiegel Online, 03.02.2010

Von Christian Buss

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07.10.2009
Das Herbstzeitlos

In der edelbitteren Komödie von Christoph Schaub drückt sich Giulia vor ihrem fünfzigsten Geburtstag und findet neue Zuversicht in den Armen eines Fremden.

Von Hannes Nüsseler

Essen, so heisst es, sei der Sex des reiferen Alters. Wo kann man also seinen fünfzigsten Geburtstag besser begehen als in einem Edelrestaurant? Giulia, gespielt von Corinna Harfouch, bittet ihre Freunde zum Diner, und diese nehmen die Einladung freudig an: Schliesslich sind sie selbst in den besten Jahren oder haben diese schon hinter sich, je nach Einschätzung. Zu den Gästen gehören das Männerpaar Stefan (Stefan Kurt) und Lorenz (André Jung), die Eheleute Lena (Teresa Harder) und Valentin (Max Herbrechter) sowie Junggeselle Thomas (Daniel Rohr). Nicht zu vergessen der glitzernde Auftritt von Alessia (Sunnyi Melles), die sich unaufgefordert dazugesellt.

Begegnung mit den Lebensphasen

Für die grösste Überraschung aber sorgt an diesem Abend Giulia selbst: Das Geburtstagskind schwänzt nämlich die eigene Feier. Während sich ihre Freunde bei Speis und Trank immer angeregter über den nagenden Zahn der Zeit unterhalten, begegnet Giulia ihren drei Lebensaltern auf der Busfahrt zum Restaurant.

Da ist der Teenager, der keine dreissig werden will; die blühende Schönheit, der alle Männerblicke gewiss sind; die grauhaarige Frau, die Giulia erst bemerkt, als sie sich neben sie setzt. «Ab einem gewissen Alter», so die Sitznachbarin, «werden wir alle unsichtbar.» Vom kurzfristigen Verschwinden ihres Spiegelbildes erschreckt, flüchtet Giulia ins nächtliche Zürich, wo sie dem Charme eines ebenso weisen wie altersresistenten Fremden (Bruno Ganz) verfällt.

Glänzende Dialoge

«Giulias Verschwinden» von Regisseur Christoph Schaub («Happy New Year») ist eine wunderbar entspannte und doch genaue Tragikomödie über das Verstreichen der Zeit. Dass die Handlung keine Luftsprünge vollführt, liegt in der Natur der Sache: Akrobatik und Reife vertragen sich schlecht. Dafür überschlägt sich das fein abgestimmte Ensemble im doppelbödigen und scharfzüngigen Schnellreden, dass es eine Freude ist – die Dialoge stammen aus der Feder von Martin Suter. Frechheiten und Bonmots hat der 61-jährige Schriftsteller eingestreut, bunt und ein bisschen traurig wie Herbstlaub. Dem geschliffenen Hochdeutsch der Darsteller zum Trotz entsteht dabei niemals ein Gefühl der Distanz, vielmehr nimmt man den Figuren ab, was sie sagen. So unterhält «Giulias Verschwinden» nicht nur bestens, der Film glüht auch dank eines versöhnlichen Endes tröstend nach, wenn die Tage wieder merklich kühler und kürzer werden.

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Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2009
Der diskrete Charme des Geburtstagsfests

Von Claudia Schwartz

Dem Lauf der Zeit ist nicht zu entkommen. Es sei denn, man wird fünfzig so wie Giulia (Corinna Harfouch), die auf dem Weg zur eigenen Geburtstagsfeier die Zufallsbekanntschaft von John (Bruno Ganz) macht, mit ihm auf einen Drink in eine Bar geht und hängenbleibt (in einer der zärtlichsten Begegnungen, die das Kino jüngst bereithielt). Währenddessen treffen im Restaurant nach und nach Giulias Partygäste ein. Sie haben sich dem Anlass entsprechend herausgeputzt und sich die Zeichen des Alters, so gut es eben geht, aus dem Gesicht geschminkt. Aber je länger Giulia auf sich warten lässt, umso mehr drängt sich über dem Rätsel dieses Fernbleibens die Altersfrage in den Vordergrund. So sind die versammelten Freunde erst einmal auf sich selbst zurückgeworfen, genauer gesagt: auf die eigene Vergänglichkeit.

Ohne Angst

Sind Falten ein Zeichen von Charakter oder schlicht der Anfang vom Ende? Während Giulia sich dem Geburtstagsritual, diesem nicht immer freiwillig-bewussten individuellen Jahreswechsel, dank einem zauberhaften Tête-à-Tête erst einmal entzieht, wird die Feier für die anderen schon fast klassisch zum katalytischen Ereignis, bei dem nun alles auf den festlich gedeckten Tisch kommt, was das Altern so mit sich bringt an Freude, Wut, Trauer, Weisheit, Ekel und Lust.

Wo vor zwei Dekaden in Christoph Schaubs Werk «Dreissig Jahre» die Protagonisten dem eigenen Alter noch zu entfliehen suchten, ist in «Giulias Verschwinden» aus Anlass von nun wiederum 50 Lebensjahren der Titelheldin die Zäsur der Zeit allumfassendes Thema. Dies paradoxerweise gerade dank dem Umstand, dass die Alten heute geistig und körperlich jünger wirken als in jeder Generation zuvor. Beim Lesen von Todesanzeigen aber fallen jedem irgendwann zwangsläufig die näherrückenden Jahrgänge auf. Und so wird auch hier über den schmutzigen Rest des menschlichen Verfalls verhandelt und darüber, wie sehr uns vor diesem graut. Es macht ein Stück der Grösse dieses Films aus, dass man ihm trotzdem folgt ohne Angst.

Hochkarätige Besetzung

Christoph Schaub hat ein stimmungsvolles leichtes Kinostück über eines der schwerwiegenden menschlichen Themen gemacht, nicht zuletzt, weil aus diesem nicht der Hochmut der Heutigen spricht. Nicht die sonnenstudiogebräunte, ewig fitte, penetrant gutgelaunte Klientel der Anti-Aging-Industrie führt hier das Wort, sondern die Nachsicht der Gestrigen, die den Beleidigungen des Älterwerdens mal mehr, mal weniger souverän, aber jedenfalls humorvoll begegnen. Zwei episodenhaft eingeschobene Nebenschauplätze (mit Ladendiebstahl zweier Teenager beziehungsweise Tortenschlacht im Seniorenheim) sind zwar etwas klischiert geraten, sorgen aber für die notwendige Relativierung in Bezug auf das, was einmal war oder was einmal sein wird.

Das Drehbuch stammt vom Bestsellerautor und Kolumnisten Martin Suter, der die Auswüchse des Zeitgeistes in subtilen Pointen und treffenden Beobachtungen aufgehen lässt. Suters Dialoge rühren unerbittlich an der Empfindlichkeit, die das Alter hervorbringt, mit Sätzen wie «50 ist das neue 40» – ohne Häme, aber mit der ganzen Komik menschlichen Verhaltens. Dabei zählt zur Souveränität dieses Films die Zurückhaltung im Urteilen: Es ist nicht schön, wie hier ein in die Jahre gekommenes Schwulenpaar miteinander umgeht, es ist einfach so. Mitunter spürt man den Schmerz, und Schaubs Film geht durchaus dorthin, wo es weh tut.

Die gedämpften Farben und Töne, die besinnliche Stimmung kennt man aus Schaubs Film «Happy New Year»; mit seinem so poetischen wie unerbittlichen Blick auf das Leben knüpft dieser Film an den früheren an. «Giulias Verschwinden» indes – am diesjährigen Filmfestival von Locarno mit dem Publikumspreis geehrt – ist der bis jetzt gelungenste Wurf des Zürcher Regisseurs und der beste Schweizer Spielfilm seit langem. Der Film ist zwar in Zürich gedreht, aber der Schauplatz bleibt anonym. Zeichenhaft erscheinen auch die Protagonisten, die nicht zuletzt für die Erinnerungen stehen, die Giulias Leben ausmachen. Die hochkarätige Besetzung – eine umwerfende Sunnyi Melles, ganz bei sich selbst, führt die irritierte Gästeschar an – verleiht dem unterhaltenden Ton den nötigen Tiefgang. Die Entscheidung des Regisseurs und von dessen Kameramann Filip Zumbrunn, mit zwei Kameras zu drehen, versetzt das Kammerspiel immer wieder in eine leise vibrierende Bewegung.

Schaub versieht die Alltagswirklichkeit gekonnt mit einer eleganten Zeitlosigkeit der Inszenierung und taucht die bitteren Wahrheiten, die das Thema naturgemäss bereithält, in ein intimes Licht. Die Beleuchtung schmeichelt dem Teint, möchte man fast sagen. Dazu passt die wundersame Liebesgeschichte, die unbestimmt bleibt und in ihrer Alterslosigkeit heilsam nicht nur auf Giulia wirkt in Anbetracht dieses feierlichen Themas, bei dem es einem schon einmal bange werden kann.

Eine würdige Hommage

Schliesslich rückt in diesem Spiel von Sein und Schein, im Motiv des Lebens in der Erinnerung, in der Lust an der Verkleidung und im ausgelassenen Spektakel der Demaskierung eine Schweizer Filmgrösse leise, aber bestimmt in den Vordergrund, da Suter das Drehbuch eigentlich (wie bereits bei «Jenatsch», «Zwischensaison» oder «Beresina») für seinen Freund Daniel Schmid schrieb: Christoph Schaub hat für den 2006 verstorbenen Schweizer Kollegen hier nicht zuletzt mit respektvoller Geste eine würdige Hommage geschaffen. Mag sein, dass Schmid das Phantastische, das die Vorlage bereithält, um einiges weiter und wohl auch greller gefasst hätte. Dem Alter aber widerfährt mit dieser Giulia in bezwingender Weise ästhetische Gerechtigkeit.

© Alle Rechte vorbehalten Neue Zürcher Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Neue Zürcher Zeitung Archiv
cineuropa.org, 23.09.2009

Von Françoise Deriaz

© Alle Rechte vorbehalten cineuropa.org. Zur Verfügung gestellt von cineuropa.org Archiv
The Hollywood Reporter, 17.08.2009

Von Ray Bennett

© Alle Rechte vorbehalten The Hollywood Reporter. Zur Verfügung gestellt von The Hollywood Reporter Archiv
cineuropa.org, 23.09.2009

Von Françoise Deriaz

© Alle Rechte vorbehalten cineuropa.org. Zur Verfügung gestellt von cineuropa.org Archiv
Interview mit Bruno Ganz
/ Locarno International Film Festival
de / 04.08.2015 / 01‘29‘‘

Interview mit Martin Suter & Sunnyi Melles
/ locarnonews
de / 09.08.2009 / 03‘50‘‘

Interview mit Schaub, Suter, Bachmann
Von Eric Facon / SRF
de / 25‘53‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
La disparition de Giulia FR
Julia's Disappearance EN
Genre
Abenteuer, Drama
Länge
87 Min.
Originalsprache
Deutsch
Bewertungen
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ØIhre Bewertung6.6/10
IMDB-User:
6.6 (329)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Corinna HarfouchGiulia
Bruno GanzJohn
Stefan KurtStefan
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Bonuso

iGefilmt
Interview mit Bruno Ganz
Locarno International Film Festival, de , 01‘29‘‘
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Interview mit Martin Suter & Sunnyi Melles
locarnonews, de , 03‘50‘‘
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Besprechung Spiegel Online
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Besprechung The Hollywood Reporter
Ray Bennett
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Interview with Christoph Schaub
cineuropa.org / Françoise Deriaz
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hGesprochen
Interview mit Schaub, Suter, Bachmann
SRF / de / 25‘53‘‘
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