r A King in New York
Charlie Chaplin, GB, USA, 1957o
Eine Revolution treibt König Shadhov von Estrovia aus seinem Land. Er flieht nach Amerika. Sein Premierminister war fürsorglich genug, den Staatsschatz mitgehen zu lassen. Allerdings setzt er sich über Nacht mit dem ganzen Geld nach Südamerika ab und lässt den König mittellos in New York zurück. Shadhov erlebt den lauten Trubel der schönen neuen Welt, die sich gerade den Verrücktheiten der Rock'n Roll-Dekade und der Hexenjagd auf unamerikanische Elemente hingibt.
Charles Chaplins wohl unbekanntester Film ist nichtsdestoweniger ein kleines Meisterwerk, das politische Satire und für jedermann zugängliche Komik verbindet. Entstanden ist er vor dem Hintergrund der antikommunistischen «Hexenjagd» in den USA, die Chaplin zwang, in der Schweiz Zuflucht zu suchen. In einem Studio seiner englischen Heimat drehte er a King in New York, eine regelrechte Ohrfeige für den McCarthyismus, der so viel Karrieren aufgrund von Denunziationen und blossen Verdächtigungen zerstörte.
Die Geschichte handelt von Igor Shahdov (gespielt vom sechzigjährigen Chaplin), dem König eines fiktiven mitteleuropäischen Kleinstaats, der durch eine Revolution gestürzt wird und sich nach New York absetzt, in der Hoffnung, der Atomenergiekommission ein Projekt verkaufen zu können. Einstweilen ist er jedoch pleite und lässt sich, von einer jungen Schauspielerin umgarnt, dazu herab, in Werbespots aufzutreten. Vor allem aber begegnet er dem zehnjährigen Rupert Macabee (gespielt von Chaplins Sohn Michael), dessen kommunistisch engagierte Eltern ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten sind und der auch Shahdov einigen Ärger einbringen wird.
Die Mischung aus heiterer Absurdität, Selbstironie und treffsicheren Seitenhieben auf die amerikanische Gesellschaft ist ebenso überraschend wie explosiv. Selten wirkten Chaplins komische Kabinettstücke so ausgefeilt wie hier: Ein Abendessen in der feinen Gesellschaft, das zur Falle wird, oder der Versuch einer «verjüngenden» Gesichtsoperation bleiben unvergesslich. Der eigentliche Clou des Films, der ein Kind mit voller Überzeugung die marxistische Theorie darlegen lässt, liegt jedoch darin, wie er die McCarthy-Hysterie seiner Zeit mit den Mitteln der handfesten Slapstick-Komik hinwegfegt.
Selten hat ein unabhängiger Autorenfilm eine derart unverschämte Freiheit an den Tag gelegt. Dafür wurde er mit einem faktischen Aufführungsboykott in den USA bestraft, von den Kritikern der Cahiers du cinéma aber nicht zufällig zum besten Film des Jahres 1957 gekürt.
Norbert Creutz
