r Monsieur Verdoux
Charles Chaplin, USA, 1947o
Henri Verdoux, ein arbeitsloser Bankangestellter, sorgt für den Unterhalt seiner Familie, indem er wohlhabende Frauen mittleren Alters verführt, die er tötet, bevor er sich ihr Vermögen aneignet. So führt er schließssich kein Doppelleben, sondern ein Fünffachleben, in dem er Familienpflichten und kriminelle Machenschaften unter einen Hut bringt – jedes Mal unter einer neuen Identität.
Der arbeitslose Franzose Verdoux hat aus dem Mord an wohlhabenden Frauen, die er umgarnt, ein Geschäft gemacht. Am Wochenende Ehemann und Familienvater, reist er unter der Woche durch Frankreich und nimmt bei jedem seiner Opfer eine neue Identität an. Chaplins achter Langfilm brach 1947 radikal mit seinen früheren Werken: Die Rolle des grossherzigen Vagabunden tauschte er gegen jene eines skrupellosen Frauenmörders ein, seinen engagierten Optimismus gegen desillusionierten Fatalismus. An Humor fehlt es natürlich nicht, doch ist er von einer bis dahin ungekannten Schwärze: Mord erscheint hier als logische Fortsetzung des Geschäfts. Diese Attacke auf das Profitdenken kam in der McCarthy-Zeit der systematischen Hetze gegen angebliche linke Agitatoren und Landesverräter in den USA schlecht an. Der gebürtige Engländer Chaplin wurde des Kommunismus bezichtigt und emigrierte 1952 unter massivem Druck zurück nach Europa. Bis heute jedoch gibt seine provokante Fabel zu denken: Kein Einzelner ist so monströs wie das System, das ihn hervorgebracht hat.
Émilien Gür
