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Arlington Road

Mark Pellington, USA, 1999o

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vzurück

Seit dem Tod seiner Frau führt Michael Faraday ein mehr oder weniger beschauliches Leben in einem Vorort von Washington. Der gescheiterte FBI-Einsatz, der sie das Leben kostete scheint in der Vorstadtumgebung mit netten Nachbarn fast vergessen. Doch der Familienvater Oliver Lang, der das Haus neben Michael bezieht, lässt Michael zweifeln. Michael vermutet hinter seinem neuen Nachbarn einen potenziellen Agenten. Oder kann der Witwer die Realität nicht mehr von seiner paranoiden Phantasie unterscheiden?

Hintergründig inszenierter, brillant gespielter Thriller, der geschickt die Balance zwischen vermeintlichem Doppelleben und in den Vordergrund drängender Paranoia hält.

N.N.

Le monde est détraqué. Arlignton Road est là pour nous le confirmer. Avec, dans le rôle du gentil, un Jeff Bridges bouleversant en paranoïaque qui voit le mal partout et, dans celui du méchant, un Tim Robbins machiavélique.

G.D.

Galerieo

05.04.1999
Der unnahbare Nachbar

Jeff Bridges wird ziemlich übel mitgespielt in Mark Pellingtons Kinothriller Arlington Road.

Von Fritz Göttler

Ein armer Hund ist der Held dieses Films, ein Pawlowscher Hund. Professor Michael Faraday lehrt amerikanische Geschichte, er ist, so scheint es, überzeugt davon, daß wir lernen müssen aus den Fehlern unserer Vergangenheit. Er lebt in glänzender Isolation, einem Refugium akademischer Gesellschaftskritik: in Arlington, dem seelenlosen, grau-in-grauem Viertel von Washington, das das Pentagon beherbergt und einem Heldenfriedhof den Namen gab.

Mark Pellingtons Film „Arlington Road” präsentiert sich als ein politischer Thriller – ein Mann sieht rot, ein Intellektueller. Michael Faraday ist verstört durch die Militanz der Neunziger, den Terror eines Timothy McVeigh – die Bombe im Verwaltungsgebäude von Oklahoma City, 1995 – und eines Ted Kaczynski, des Unabombers. Bis zu welchem Moment, fragt Faraday, ist die unbedingte, die radikale Freiheit des einzelnen zu akzeptieren, an welchem Punkt beginnt dagegen das Recht der Gesellschaft, die Verpflichtung des Staates für die Gemeinschaft? Wie also soll man dem rechten Fanatismus in den USA begegnen, in dem heute – die eigene Waffe in der Hand – der alte amerikanische Traum vom freien Individuum erscheint.

Michael Faraday (Jeff Bridges) macht Anschauungsunterricht, er nimmt seine Studenten mit auf Exkursion. An den Ort eines Massakers zum Beispiel, einer verunglückten Spezialaktion, bei der ein paar FBI-Agenten einen Waffenhändler und seine Familie festzunehmen versuchten. Eine der Beteiligten, eine Agentin ist damals auf der Strecke geblieben. Sie war Faradays Frau. Gleichwohl – das Pathos, mit dem Faraday von dieser Episode berichtet, wirkt so fehl am Platze wie sein rustikal kariertes Hemd.

Die Erinnerungsarbeit trübt dem Professor den Blick. Auf die Nachbarn zum Beispiel, die er erst wahrnimmt, als deren Sohn einen Unfall hat – sich den Arm verletzt beim Spiel mit Feuerwerkskörpern! Die Eltern sind fürs erste durchaus sympathisch – Tim Robbins und Joan Cusack –, aber dann ändert sich die Einstellung und bald hat Faraday sie im Verdacht: als Mitglieder einer rechtsradikalen Verschwörung. Auch wenn er es noch nicht merkt: er hat damit eine Grenze überschritten, die mitten durch die Straße ging.

Der Grenzgänger ist eine alte Figur der amerikanischen Mythologie. Wie kein anderer hat in den letzten Jahrzehnten, seit der „Last Picture Show”, Jeff Bridges jenes Amerika verkörpert, das erst durch den Zweifel zu sich selbst gelangt. Das eine schmerzhafte Trance passieren muß, aus der es seine Selbstsicherheit bezieht und seine Unschuld. Sein neuer Held freilich, der Professor Faraday, wird das Opfer seiner Profession, der Diskrepanz zwischen dem, was er lehrt, und dem, was er erlebt, was nebenan passiert, im Nachbarhaus.

Die andere Seite der Straße, das bedeutet eine Welt hinter den Spiegeln, und man erfährt sehr schnell in diesem Film, daß die Logik des Lewis Carroll alles andere als unverbindlich und spielerisch harmlos ist. Noch nie ist Jeff Bridges so nervös gewesen, so unglücklich und inkonsequent. Sein Weg führt ihn in den Blackout, an den Rand der Paranoia – schon deshalb, weil er es nicht schafft, die Spielregeln zu durchblicken, nach denen hinter den Spiegeln gespielt wird. Wer setzt die Zeichen in dieser Welt, und wer bestimmt, wie sie gelesen werden?

So herrscht im vernunftorientierten Washington heute jene Anarchie zwischen Wirklichkeit und Einbildung, die in den Sechzigern in der dämonisch-intellektuellen New Yorker Boheme herumspukte: die Welt von „Arlington Road” ist das Spiegelbild zu der von „Rosemarys Baby” – Mark Pellington hat als Videoclip-Regisseur debütiert und sich mit einer Serie über amerikanische Poesie einen Namen gemacht. Die amerikanische Paranoia beschwört er heute durch ungewohnte Perspektiven, durch Unruhe von Kamera und Schnitt. So daß die Momente der Ruhe besonders trügerisch und gefährlich werden. Der Schatten des Todes liegt deutlich über der Begegnung der beiden Frauen, Joan Cusack und Hope Davis, Faradays Freundin, auf dem Parkplatz eines Einkaufcenters.

Die suburbs haben viele junge amerikanische Filmemacher fasziniert, Spielberg und Lynch, Hartley und Waters. Ein Niemandsland, in dem fast alles möglich ist – bei Pellington erinnert es an die legendäre „Zone” im französischen Nachkriegskino von Cocteau wie an die last frontier der amerikanischen Pioniere. In einer grandiosen, mysteriösen Kamerafahrt stilisiert er den unnahbaren Nachbarn, Tim Robbins, zum Nachfahren der amerikanischen Waldläufer.

Es ist ein ungleiches Duell, das sich entwickelt zwischen den Männern in diesem Film. Der Pawlowsche Held erweist sich schließlich als eine Art Zauberlehrling. Die Abwehrkräfte, die Faraday entfesselt, kann er immer weniger bändigen. Und plötzlich sind alle Vorzeichen des Films umgedreht, fasziniert der kalte, der unmenschliche Professionalismus weitaus mehr als das hitzige Engagment. Es bleibt dabei: Amerika liebt es, wenn einer sein Spiel perfekt beherrscht – auch wenn es ein böses ist.

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filmzentrale.com, 31.07.1990
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rogerebert.com, 08.07.1999
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Filmdateno

Genre
Drama, Krimi/Thriller, Mystery
Länge
117 Min.
Originalsprache
Englisch
Bewertungen
cccccccccc
ØIhre Bewertung7.2/10
IMDB-User:
7.2 (79789)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen q

Cast & Crewo

Jeff BridgesMichael Faraday
Tim RobbinsOliver Lang
Joan CusackCheryl Lang
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Bonuso

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