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Alfonso Cuarón, Mexiko, USA, 2018o

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Die junge Cleo arbeitet in den 1970er Jahren als Hausmädchen für eine Mittelstandsfamilie im Stadtteil Roma in Mexiko City. Als sich ihre Arbeitgeber Sofia und Antonio trennen und der Mann zu Hause auszieht, hilft Cleo Sofia, diesen Umstand vor den Kindern geheimzuhalten. Doch auch in Cleos Privatleben kommt es zu einem Bruch, als sie schwanger wird und der Vater vor der Verantwortung flüchtet. Gleichzeitig eskalieren die Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Regierungsmilizen in der Stadt.

Unter den Augen des großen Alfonso Cuarón wird das Alltägliche episch - und das Persönliche zum kunstvollsten Arthouse-Film des Jahres. In wunderschönen, fließend komponierten Schwarzweiß-Bildern erzählt er von seinen eigenen Kindheitserinnerungen im Mexico City der siebziger Jahre, von politischen Umbrüchen, vor allem aber von seinem Kindermädchen und weiblicher Solidarität in einer vaterlosen Familie. Warmherziges, berührendes, tiefempfundenes Kino mit endlosen Trackingshots und einer meisterhaften Mise en Scène, dessen Bilder sich ins Gedächtnis brennen und einen danach noch lange begleiten.

Annett Scheffel

Oscarpreisträger Alfonso Cuarón («Gravity») erzählt die autobiographisch angehauchte Geschichte mit viel ästhetischem Pomp. Mitunter wirds arg grossspurig, auch wenn die schwarzweissen Bilder schön anzusehen sind.

Gregor Schenker

Galerieo

The Playlist, 29.08.2018

Von Jessica Kiang

© Alle Rechte vorbehalten The Playlist. Zur Verfügung gestellt vom The Playlist Archiv
04.12.2018
Kunstvolle Ode ans Hausmädchen

"Roma" ist ein persönliches Filmepos, das im Mexico City der frühen Siebziger spielt.

Von Annett Scheffel

Wie erinnert man sich an seine Kindheit? Und wie können diese Kindheitserinnerungen in einem Film Gestalt annehmen? Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón sucht in seinem neuen Werk Antworten auf diese Fragen. "Roma" ist ein sehr persönliches, intimes Filmepos, für das der Oscarpreisträger ("Gravity") zum ersten Mal seit seiner Tragikomödie "Y Tu Mamá También" (2001) den Blick zurück auf sein Heimatland richtet. "Roma" ist auf spanisch gedreht und mit unbekannten Schauspielern besetzt. Es ist Cuaróns Blick zurück in die Welt seiner Kindheit.

Die spielt im Mexico City der frühen Siebziger, gezeigt in ruhigen Schwarz-Weiß-Bildern. Colonia Roma heißt die titelgebende Nachbarschaft, in der die Eltern mit ihren vier Kindern leben. In einem der Kinderzimmer des Hauses hängt noch das Poster der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Draußen schrubbt das Hausmädchen den gekachelten Hof, auf dem der Familienhund Borras als Running Gag ständig seine Häufchen hinterlässt. Und abends kehrt der Vater - ein viel beschäftigter Arzt - mit dem Ford Galaxy heim, dessen Motorhaube so breit ist, dass die Ankunft von einer so fanatischen wie albernen Einparkchoreografie in der Hofeinfahrt bestimmt wird. Ein komfortables, leicht chaotisches Mittelschichtsleben, das bald ein paar inneren wie äußeren Erschütterungen standhalten muss.

Weil Alfonso Cuarón schon länger zu den großen Autorenfilmern des Kinos gehört - in einer Reihe mit François Truffaut, Federico Fellini oder Ingmar Bergman - liegen auch die Verbindungen zu deren stark autobiografischen Filmen auf der Hand. "Roma" ist in gewisser Weise seine Variante von "Sie küssten und sie schlugen ihn", sein "Vitelloni" oder sein "Fanny und Alexander".

Cuarón berichtet von privaten und von politischen Erschütterungen

Aber der Film ist auf den zweiten Blick auch etwas ganz anderes. Vielleicht, weil man, wie Balzac gesagt hat, zweimal lebt, das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung, und weil beides nicht unbedingt das Gleiche sein muss, hat sich Cuarón entschieden, sich selbst bloß zu einer Nebenfigur zu machen. Er erzählt nicht aus seiner kindlichen Sicht, sondern aus der Perspektive der Erwachsenen, welche die tobenden Geschwister umsorgen und sich nebenher um ihre eigenen Probleme kümmern müssen. Der Vater verabschiedet sich auf Geschäftsreise und kehrt nicht mehr zurück. Und als das Hausmädchen Cleo, aus deren Sicht der Film hauptsächlich erzählt, ungewollt schwanger wird, macht sich ihr Freund sofort aus dem Staub.

Dass über "Roma" schon vor dem Kinostart am Donnerstag viel gesprochen wurde, liegt auch daran, dass der Streaming-Dienst Netflix den Film produziert hat. In Cannes scheiterte die Firma deswegen an den Festivalregularien und konnte das Werk dort nicht zeigen; beim Festival in Venedig gewann es dagegen den Goldenen Löwen. Dass Netflix den Film neben ein paar ausgewählten Kinos trotzdem vor allem für die Ausspielung auf seiner digitalen Plattform vorgesehen hat, wo er bereits ab dem 14. Dezember zu sehen ist, sorgte bei manchen Kinobetreibern und Filmliebhabern für Verärgerung, die sich eine stärkere Bekenntnis zum Kino gewünscht hätten.

Silbern schimmert das Licht auf den Laken

Was man auch verstehen kann, denn "Roma" ist zweifellos für die große Leinwand gemacht. Nach und nach erscheint in wunderschönen Kamerafahrten ein kunstvolles Panorama der inneren und äußeren Dynamiken dieser mexikanischen Kindheit. Silbern schimmert das Licht auf den weißen Laken auf den Hausdächern. Genau wie auf den von Seifenwasser umspülten Fliesen, die Cuarón für seine grandiose Eröffnungsszene zeigt und über die er das Spiegelbild einer dröhnenden Passagiermaschine ziehen lässt wie den fernen Traum von einem anderen Leben. Die Inszenierung ist so überwältigend, dass sich diese Bilder ins Zuschauergedächtnis brennen, wie wohl einst beim kleinen Alfonso. Fast hat man während der langen Streifzüge durch das Haus und die Straßen das Gefühl, das Rauschen der Zeit zu hören. Dieses leise, aber unbeirrte Fortschreiten des Lebens, das vergangene Momente mit den darauffolgenden verknüpft.

Das Schönste an "Roma" ist aber, dass Alfonso Cuarón der episodischen Natur unserer Erinnerungen treu geblieben ist und seinen Film weniger um eine große Handlung als um Situationen herum gebaut hat. Die windschiefe Blaskapelle, die die Straße heruntermarschiert. Die Kinobesuche, bei denen man einmal zwei im All schwebenden Astronauten aus John Sturges' "Verschollen im Weltraum" sieht. Die hochschwangere Cleo gerät beängstigend nah in das "Corpus-Christi"-Massaker hinein, bei dem 1971 mehr als hundert protestierende Studenten getötet wurden. Cuarón erzählt nicht nur von privaten, sondern auch von politischen Erschütterungen.

Zusammengehalten wird die Familie in dieser Zeit vor allem von der Hausherrin Sofía und dem indigenen Hausmädchen Cleo. Zwei Frauen, getrennt durch Klassenunterschiede, aber verbunden in der liebevollen Bemühung um die Kinder und dem Stoizismus, mit dem sie durch den Tag gehen. Yalitza Aparicio spielt das Hausmädchen in ihrer ersten Filmrolle mit einer berührenden Mischung aus Untergebenheit und Wärme. Die Kamera folgt der Frau, die sich unermüdlich um Haushalt, Essen, Wäsche und Einkäufe kümmert und für die als Mixtekin ohne Schulbildung kein anderer Platz als das Bedienstetenzimmer vorgesehen ist.

Und so ist "Roma" auch und vor allem Cuaróns Ode an die Frauen, die Mutter und das Hausmädchen, die seine Kindheit geprägt und seine Erinnerungen geformt haben. Zwei starke Frauen, die jede auf ihre Weise einsam sind und trotzdem - oder gerade deswegen - zusammenhalten.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt vom Süddeutsche Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 28.11.2018
Der Netflix-Kino-Streit erreicht die Schweiz

Dass der preisgekrönte Spielfilm «Roma» in Zürcher und Basler Kinos läuft, ärgert die Branche.

Von Pascal Blum

Als «Roma» im September den Goldenen Löwen in Venedig gewann, begannen die Klagen. So ein schöner Film, und dann kommt er nicht einmal richtig ins Kino, sondern wird von Netflix von einem Tag auf den anderen einfach aufgeschaltet. In Italien haben sich die Kinobetreiber schon mal zusammengeschlossen, um «Roma» zu boykottieren. Nur auf 50 Leinwänden während dreier Tage wird das Schwarzweissdrama zu sehen sein, bevor es ab Mitte Dezember bei Netflix verfügbar wird. In Mexiko, der Heimat von Regisseur Alfonso Cuarón, weigert sich die grösste Kinokette, «Roma» zu zeigen. Die Dauer bis zum Streamingstart sei viel zu kurz.

Seit Netflix das Geld hat, um Regisseuren allerlei Liebhaberprojekte zu finanzieren, ärgern sich nicht nur Kinobetreiber über das Diktat des Streamingriesen, sondern auch Filmverleiher. Normalerweise sichern sie sich die Rechte für ein Land, betreuen den Kinostart und erstellen Werbematerial. Bei «Roma» macht Netflix das alles selber. Und das bei einem Film, der gut ins Portfolio einiger Verleiher passen würde.

Schweizer Premiere

Kommt dazu, dass Schweizer Kinos wenig Zurückhaltung zeigen, wenn es darum geht, prestigeträchtige Autorenfilme zu programmieren. Unter anderem das Riffraff in Zürich und das Basler Kultkino haben wegen «Roma» direkt mit Netflix verhandelt. Damit läuft zum ersten Mal eine Produktion des Streamingdiensts in Schweizer Städten an.

Hauptsorge in der Branche ist, dass sich die Kinos prostituieren und nicht viel mehr als Promotion machen für ein Streamingangebot. Frank Braun vom Riffraff sieht das anders: «In einer digitalen Welt ist der Primeurstatus des Kinos ein alter Zopf.» Die Spielstätten müssten sich ihr Publikum zurückholen. «Und warum denn nicht, wie im Fall von ‹Roma›, gleich mit einer Produktion des Streaminggiganten selber?» Der Film laufe aus demselben Grund wie alle anderen Filme im Riffraff und im Bourbaki in Luzern: weil er aus Liebe fürs Kino gemacht sei. Beim Kultkino in Basel heisst es, das Publikum habe es «verdient», «Roma» im Kino sehen zu können. Das Riffraff will das Drama sogar nach dem Netflix-Start weiterspielen.

Eine verkehrte Welt. Kinos locken Besucher, indem sie zeigen, was gestreamt werden kann; Netflix produziert für seine Abonnenten hochkarätige Filme, bei denen es alle schade finden, dass sie kaum im Kino laufen. In den USA liebäugelt der Konzern schon länger mit der Idee, eine Kinokette zu übernehmen. Netflix’ Öffnung gegenüber den Kinos sei doch zu begrüssen, sagt Frank Braun. Dass die Rechnung für den Anbieter dabei auch aufgehe: «Fair enough.» Ungefähr die Hälfte der Einnahmen liefern die Kinos direkt an Netflix ab.

Zwischen Film- und Streamingstart liegt in der Schweiz eine Woche. Auch deshalb zeigen die Kinos «Roma» im Vollprogramm, also mit drei oder sogar vier täglichen Vorführungen im grössten Saal. Dass andere Titel von den Kinos nicht unbedingt so bevorzugt behandelt werden, nervt einige Verleiher, die nicht mit Namen genannt werden wollen. Zudem macht Netflix Milliardenumsätze, hat aber in vielen Ländern keinen einzigen Mitarbeiter vor Ort, kennt also auch die hiesige Kinoszene nicht. In der Schweiz kommuniziert man mit einer deutschen PR-Agentur, die freundlich Fragen entgegennimmt, auf die sie keine Antwort weiss. Die Pressestelle in London reagiert gar nicht.

Vorgaben für die Lautstärke

An grossflächigen Kinostarts ist Netflix nach wie vor nicht interessiert. Aber die Schweizer Kinobetreiber sahen «Roma» am Festival in Toronto und wollten ihn unbedingt zeigen. Ein Schweizer Verleih vermittelte dann zwischen den Kinos und Netflix. Nicht alle haben also etwas dagegen, dass Netflix-Produktionen in unsere Kinos kommen, zumal «Roma» ringsum in der Branche begeisterte.

Netflix beschleunigt aber, was sich ohnehin abzeichnet: Zwischenhändler wie Verleiher verlieren an Bedeutung. Für sie ist Netflix nicht in erster Linie deswegen zum Konkurrenten geworden, weil der Dienst selber Filme produziert, sondern vor allem, weil er an den Filmmärkten alles Mögliche zusammenkauft.

Für einen Streamingdienst hat Netflix zudem recht genaue Vorstellungen davon, wie die Filme im Kino vorgeführt werden sollen. Als «Roma» im Rahmen des Zurich Film Festival im Kosmos lief, schickte Netflix Vertreter der Dolby-Soundanlage vorbei, die das System einpegelten und die Lautstärke vorschrieben. 7.0 musste es sein. Nicht mehr und nicht weniger.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt vom Tages-Anzeiger Archiv
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en / 03.03.2018 / 11‘20‘‘

Filmdateno

Genre
Drama
Länge
134 Min.
Originalsprache
Spanisch
Bewertungen
cccccccccc
Øk.A.
IMDb
k.A.

Cast & Crewo

Yalitza AparicioCleo
Marina de TaviraSra. Sofía
Diego Cortina AutreyToño
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Bonuso

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BAFTA, en , 55‘06‘‘
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gGeschrieben
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