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Bon Voyage

Fabio Friedli, Schweiz, 2012o

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Dutzende Emigranten besteigen einen überfüllten Lastwagen. Ihr Ziel: die Festung Europa. Als sie es nach einer beschwerlichen Reise endlich erreichen, erwartet sie die Konfrontation mit einer anderen brutalen Realität: dem Umgang der Europäer mit Flüchtlingen.

Kein Wort wird gesprochen, es sind nur Blicke, mit denen Friedli die Kluft zwischen der reichen weissen Welt in ihrer Selbstzufriedenheit und der existenziellen Not des Flüchtlings anschaulich macht. Bestechend ist, mit wie minimalen Mitteln, unterhaltsam und dennoch verstörend, Friedli das ganze Drama dieser alltäglichen Situation auf den Punkt bringt. [Auszug]

Michèle Binswanger

Galerieo

Tages-Anzeiger, 07.09.2012
Reise in die Demütigung

Der Berner Filmemacher Fabio Friedli gibt mit seinem Kurzfilm Bon Voyage ein wortloses, aber umso prägnanteres Statement zur Schweizer Flüchtlingspolitik ab.

Von Michèle Binswanger

Formal ist Bon Voyage, der preisgekrönte Film des Berner Filmemachers Fabio Friedli, aufs Äusserste reduziert. Kugelschreiber auf Papier, auf dem zuweilen noch Wasserstreifen zu sehen sind, Strichmännchen, die auf einen Pick-up klettern, bis der bedrohlich wankende Haufen losfährt. Doch kaum hat die Reise begonnen, werden die Männchen dezimiert wie die Fliegen. Sie fallen herunter, werden an Raststätten zurückgelassen, von Schiffen überfahren, von Raubfischen verschlungen. Nur ein Einziger vermag sich die ganze Reise hindurch an den Wagen oder das Boot zu klammern, erträgt Schmerzen und Rückschläge, aber lässt nie los, unter keinen Umständen. Sein Wille ist nicht zu brechen – bis zum bitteren Ende. Das allerdings erst der Anfang ist.

Sterben wie die Fliegen

Friedli macht es dem Zuschauer zunächst einfach. Der Strich ist simpel, die Geschichte beginnt harmlos, die Geräuschkulisse vermittelt den Optimismus der Reisenden, die sich auch auf einer besonders raffinierten Achterbahnfahrt befinden könnten. Friedli lässt das bewusst offen und verdichtet nur ganz langsam das Thema, was auch die eigentliche Spannung ausmacht. Erst nach etwa der Hälfte des knapp sechsminütigen Films drängt sich die Interpretation auf, dass es sich bei den lustigen Männchen um afrikanische Flüchtlinge handeln muss, die sich von Schleppern ins reiche Europa bringen lassen wollen. Der Ernst des Themas wird jedoch immer wieder von humoristischen kleinen Intermezzos entschärft. Die armen Figuren sterben zwar einer nach dem andern, aber es sind ja bloss Strichmännchen – und unser tapferer kleiner Protagonist lässt sich trotz aller Widrigkeiten nicht abschütteln. Er wird überleben.

Reiner Sadismus

Das tut er auch. Aber unterwegs hat er nicht nur seinen Optimismus eingebüsst, auch dem Zuschauer dürfte mulmig geworden sein. Denn die Figuren haben nicht einfach nur Pech, oft ist es auch reiner Sadismus, der sie aus der Bahn schleudert und sterben lässt.

Und dann kommt der Schluss. Statt lustigen Strichmännchen zuzuschauen, blicken wir plötzlich ins Antlitz eines echten Menschen, eines Afrikaners, der am Tisch drei Migrationsbeamten gegenübersitzt. Kein Wort wird gesprochen, es sind nur Blicke, mit denen Friedli die Kluft zwischen der reichen weissen Welt in ihrer Selbstzufriedenheit und der existenziellen Not des Flüchtlings anschaulich macht. Bestechend ist, mit wie minimalen Mitteln, unterhaltsam und dennoch verstörend, Friedli das ganze Drama dieser alltäglichen Situation auf den Punkt bringt – bis hin zum sarkastischen Titel Bon Voyage. Dass dies einem Künstler bereits mit seinem Erstlingswerk gelingt – in Friedlis Fall seiner Abschlussarbeit an der Hochschule Luzern – ist selten genug. Umso erfreulicher, dass Friedli mit dem Film auch entsprechend Erfolge feiert, sowohl beim Publikum wie auch bei den Kritikern. Das ist gut, denn Kritik ist umso wirkungsmächtiger, wenn sie scheinbar süffig serviert wird und dann nachhaltig zum Denken anregt.

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Auftritt von Fabio Friedli alias Pablo Nouvelle
/ Live at Music Apartment
en / 19.09.2013 / 30‘38‘‘

"Is It Ok" - Lied von Fabio Friedli alias Pablo Nouvelle (feat. Fiona Daniel)
Von / Pablo Nouvelle
en / 4‘11‘‘

Filmdateno

Genre
Animation
Länge
6 Min.
Originalsprache
Ohne Dialog
Bewertungen
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ØIhre Bewertung7.0/10
IMDB-User:
7.0 (43)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen q

Cast & Crewo

Fabio FriedliRegie
Fabio FriedliDrehbuch
Janosch AbelKamera
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Bonuso

iGefilmt
Auftritt von Fabio Friedli alias Pablo Nouvelle
Live at Music Apartment, en , 30‘38‘‘
s
gGeschrieben
Besprechung Tages-Anzeiger
Michèle Binswanger
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hGesprochen
"Is It Ok" - Lied von Fabio Friedli alias Pablo Nouvelle (feat. Fiona Daniel)
Pablo Nouvelle / en / 4‘11‘‘
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