The Substance: Albert Hofmann's LSD

Martin Witz, Schweiz, 2011o

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Der Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann entdeckt im Frühjahr 1943, mitten im Krieg, in seinem Basler Forschungslabor per Zufall eine bisher unbekannte Substanz. Nach einem gewagten Selbstversuch begreift er schnell, dass er es mit einem extrem potenten Wirkstoff zu tun hat - einer rätselhaften Substanz, die unsere Wahrnehmung verändert: LSD.

Martin Witz («Dutti der Riese») erzählt den Werdegang von LSD nüchtern nach. Ihm geht es mitnichten um eine Ächtung der Substanz. Fast erscheint sein Dokumentarfilm als Plädoyer für LSD: «Bad Trips» werden kaum thematisiert, und das irritiert. Doch bleibt als Fazit: LSD verändert die Wahrnehmung, aber wann verändert sich die Wahrnehmung von LSD?

Andreas Scheiner

Galerieo

29.05.2012
© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 10.11.2011
Aufbruch in eine andere Welt

Vor fast 70 Jahren entdeckte Albert Hofmann in den Chemielabors von Sandoz eine Substanz, die das Bewusstsein verändert. Jetzt erzählt ein Dokumentarfilm die Geschichte von LSD.

Von Christoph Fellmann

Der Mann ist über hundert Jahre alt, aber sein Blick ist wach und fest. Ausser er spricht darüber, was er am 19. April 1943 erlebte, als er im Selbstversuch eine Substanz ausprobierte, die er drei Tage zuvor in einem Labor bei Sandoz entdeckt hatte. Dann entschwebt selbst der Blick von Albert Hofmann, wenn auch nur leicht, in eine unbestimmte Ferne. Es ist das letzte grosse Interview, das der Chemiker vor seinem Tod im April 2008 gegeben hat: In «The Substance» ist es jetzt zu sehen, dem Film, in dem Martin Witz die Geschichte von LSD dokumentiert. Der Substanz, die aus der Basler Chemie kam, in den USA die Gegenkultur beflügelte und so zum wichtigsten Schweizer Beitrag zur Popkultur wurde.

Der Film ist nüchtern, informativ erzählt und gerade darum gut. Nur in kurzen Momenten verfällt er der filmischen Übersetzung eines LSD-Trips. Sonst müssen die entrückten Blicke derer genügen, die auf dem Trip sind. Und die sagen genug. Ja, sie sind das, was von diesem Film nach 90 Minuten bleibt - diese aufgerissenen, auf eine imaginäre Welt starrenden Augen. Was LSD mit dem Menschen macht und wozu es eigentlich gut ist: Das kann auch dieser Film nur ungefähr beantworten. «Ich war immer überzeugt», sagt Hofmann, «dass die richtige Anwendung noch kommt.» Ein so starkes «Wundermittel» könne doch nicht einfach untergehen.

Ein Trip hilft in den Tod

Das scheint auch der Film zu denken. Denn im Grunde erzählt er die Geschichte einer mächtigen und faszinierenden Substanz, die seit mehr als 60 Jahren nach ihrem Sinn und Zweck sucht. Im letzten Kapitel geht es denn auch um die Versuche in jüngster Zeit, dem LSD und verwandten Mitteln in der Behandlung psychischer Krankheiten zu einem Comeback zu verhelfen (siehe auch Text links).

In diesem aktuellen Teil bleibt «The Substance» allerdings diffus. Man erfährt wenig Gesichertes darüber, wie und mit welchem Resultat in diesen Versuchsreihen geforscht wird und welche Rolle das LSD dabei genau spielt. Der Film ist hier eher ein Plädoyer als eine Dokumentation. Und die seifige Musik steigert noch die Sentimentalität, wenn zum Beispiel beteuert wird, ein Trip könne einem Krebspatienten mit schlechter Prognose helfen, «den Tod als ein Abenteuer des Bewusstseins» zu akzeptieren.

Überzeugender ist der erste Teil des Films. Darin arbeiten sich zuerst die Psychiater am LSD ab, dann der Geheimdienst und die Armee der USA - dabei mussten sie zusehen, wie die Substanz schliesslich in die Hände der Gegenkultur und ihrer psychedelischen Rockrevolution fällt. Martin Witz hat zuletzt einen Dokumentarfilm über Gottlieb Duttweiler gedreht, den Gründer der Migros. Auch seine neue Arbeit beginnt in der bodenständigen Schweizer Wirtschaftswelt der Basler Chemie. Er führt aber mit langem erzählerischem Atem und grossartigem Archivmaterial weit darüber hinaus.

«The Substance» kehrt zunächst in die Praxis von Stanislav Grof zurück, der in den 50er-Jahren in Prag klinische Studien mit LSD durchführte. Die Hoffnungen, welche die Psychiatrie damals ins neue Mittel setzte, fasst er heute so zusammen: «LSD erzeugt eine Phantasmagorie, also eine pharmazeutisch kreierte, vorübergehende Psychose. Wir dachten: Wenn es gelingt, herauszufinden, was dabei im Hirn abläuft, dann erweist sich LSD für die Psychiatrie als so etwas wie der Heilige Gral.»

Bald testete der amerikanische Geheimdienst das Lysergsäurediethylamid (LSD) auch als Wahrheitsdroge bei Verhören. Und die Substanz sollte helfen, die Persönlichkeit eines Menschen neu zu formen oder den militärischen Gegner kampfunfähig zu machen. Der Film dokumentiert ein haarsträubendes Menschenexperiment der CIA ebenso wie eine kichernde Einheit der US Army in zerfallender Marschformation. «LSD war damals die stärkste Droge, das interessierte uns», sagt James S. Ketchum, der in den 60ern als Oberst des Medical Corps die LSD-Tests an amerikanischen Soldaten durchführte.

Doch die Resultate waren nicht zur Zufriedenheit der Militärs: «Fühlt es sich unangenehm an?», wird ein Proband gefragt, von dem man nicht weiss, was er durch seine aufgerissenen Augen gerade sieht. Und er antwortet: «Nein, grossartig!» Das «Cosmic Laughter», dieses weggetretene Lachen, das die Versuchsteilnehmer immer wieder zeigten: Das war kaum die Reaktion, die man auf dem Feld provozieren wollte. Vor allem aber erwies sich LSD bald als unberechenbar, jeder Versuch verlief anders. Für militärische oder geheimdienstliche Zwecke war es damit untauglich.

Die CIA und die US Army hätten besser auf den Erfinder gehört: «LSD verstärkt die Sinne», sagt Albert Hofmann. «Und weil die Sinne das Bewusstsein formen, lässt uns LSD die Welt anders sehen.» Das klingt nicht nach dem Programm einer Regierung und ihres militärischen Arms. Schon eher nach dem einer Gegenkultur. Tatsächlich wurde die Droge erst populär, als sie die Hippies, ihre Schriftsteller und Bands als Inspirationsquelle entdeckten. Spirituelle Vordenker wie Timothy Leary propagierten die Substanz als Heilmittel für die Gesellschaft - und als die USA das LSD im Oktober 1966 verboten, machte dies die Droge für die Rockszene nur noch anziehender.

Zu viele Opfer schlechter Trips

Dies ist der Teil der Geschichte, den man schon kennt, und notwendigerweise zeigt Martin Witz hier nun die Bilder von Jimi Hendrix in Monterey oder vom Hippiebus, mit dem der Schriftsteller Ken Kesey durch die USA schipperte. In diesem Karriereschub, den das LSD erlebte, ist aber bereits das Ende angelegt. Albert Hofmann: «Es war unverantwortlich von Timothy Leary, die Droge jungen Leuten zu geben, deren Psyche noch in Entwicklung war.» Es waren weniger die besorgten Politiker, die LSD schliesslich diskreditierten, als die vielen, zum Teil auch prominenten Opfer von gestreckten, von schlechten Trips.

Stanislav Grof sagt es im Film einigermassen resigniert: «Leary machte LSD gefährlicher, als es ist. Und killte so die Forschung.»

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psypressuk.com, 28.04.2018
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Filmdateno

Genre
Dokumentarfilm, Historisch
Länge
89 Min.
Originalsprachen
Deutsch, Tschechisch, Englisch
Bewertungen
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ØIhre Bewertung7.1/10
IMDB-User:
7.1 (777)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen q

Cast & Crewo

Martin WitzRegie
Martin WitzDrehbuch
Pio CorradiKamera
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