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Human Flow

Ai Weiwei, Deutschland, USA, 2017o

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Mehr als 65 Millionen Menschen weltweit sind gezwungen, wegen Hunger, Krieg und Vertreibung ihre Heimat zu verlassen. Human Flow ist eine persönliche Reise, ein Versuch den Zustand der Menschlichkeit heutzutage zu erfassen. Der Regisseur, der chinesische Künstler Ai Weiwei, lebt selbst im Exil und hat ein Jahr lang Camps, Heime und Lager an den unterschiedlichsten Orten der Welt besucht.

Weiwei’s approach is clearly not to furnish political explanations, still less political solutions – although these are touched on towards the end of the film – but rather to make the leap of empathy, to understand what being a migrant is like in human terms.

Peter Bradshaw

Ai uses staggering landscape shots and dynamic low-angle compositions to frame his subjects against great expanses of sky, and when he shoots people in close-up, he excludes almost anything that might distract from their faces or bodies, rendering them monumental. The effect of this large-scale imagery is twofold: It conveys the immense number of human beings that have been displaced in the 2010s—as many, if not more, according to the United Nations High Commissioner for Refugees, than the number of people displaced by World War II. Moreover, the imagery encourages viewers to adopt a global perspective in considering the subject matter.

Ben Sachs

Le film peut paraître décousu : Ai Weiwei n’a pas de message à délivrer, il rappelle simplement de manière directe, affolante et belle, que tout être humain a le droit de migrer et d’être accueilli, mais que ce droit fondamental est bafoué. Tout près de nous, dans notre village global.

Jacques Morice

Galerieo

SRF, 13.11.2017

Von Britta Gfeller

© Alle Rechte vorbehalten SRF. Zur Verfügung gestellt von SRF Archiv
Berner Zeitung, 13.11.2017

Von Pierre Hagmann

© Alle Rechte vorbehalten Berner Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Berner Zeitung Archiv
Tages-Anzeiger, 15.11.2017
«Grenzen sind de facto ein Schwindel»

Ai Weiwei hat eine Doku über globale Migrationsbewegungen gedreht. Dieser «Human Flow» könnte eine Antriebskraft der Zivilisation sein.

Von Paul Katzenberger

Ai Weiwei empfängt zum Interview in seinem Atelier in Berlin-Prenzlauer Berg. Nachdem ihm China 2015 die Ausreise gestattete, hat er sich hier in einem weitläufigen Bierkeller einer einstigen Brauerei ein kleines Stück Heimat eingerichtet. Sein Team aus Landsleuten und er pflegen ein erkennbar familiäres Verhältnis: Gleich neben dem Interviewraum ist die Küche, in der gemeinsam chinesisch gekocht und gegessen wird. Für seinen neuen Film «Human Flow» trugen Ai Weiwei und elf weitere Kameramänner 900 Stunden Material zusammen – aus Burma im Osten bis Mexiko im Westen, aus Kenia im Süden bis Berlin im Norden. Aus diesen Aufnahmen entstand nun der 240 Minuten lange Film.

Der Titel Ihres Films lautet «Human Flow». Welche Bedeutung hat das Wort «Flow» für Sie, zu Deutsch «Strom»?

Ein «Strom» ist der Definition nach eine physikalische Veränderung eines Zustandes, bei dem eine Flüssigkeit oder ein Gas in Bewegung geraten. Es ist ein Vorgang, den wir aus der Natur kennen. In meinem Film beschreibt das Wort «Strom» auch etwas Natürliches, in dem Fall aber menschliches Verhalten.

Es ist natürlich, dass Menschen flüchten?

Ja, wir kennen Völkerwanderungen aus der gesamten Menschheitsgeschichte. Wir kommen alle ursprünglich aus Afrika. Auf Veränderungen, egal ob wegen Kriegen, des Klimas, geologischer Umwälzungen oder religiöser Verfolgung, haben die Menschen schon immer reagiert, indem sie das Weite gesucht haben. Wir haben das nur nicht mehr vor Augen, weil wir uns inzwischen als Nationen definieren. Doch das ist ein relativ neues Konzept. Davor organisierten sich die Menschen in Volksstämmen, die oft umherwanderten. Eigentlich ist das sogar die bessere Vorgehensweise.

Warum?

Weil Nationen die Welt unter sich aufteilen. Territorien werden definiert, die als Eigentum betrachtet und eingegrenzt werden. Und das führt zu Konflikten, von denen wir im Augenblick ja nicht zu wenige auf diesem Erdball haben.

Der «Human Flow» entspricht also einem archaischen Verhaltensmuster des Menschen, das nur durch unser falsches Verständnis vom Gemeinwesen zum Problem wird?

Absolut. Er könnte eine Antriebskraft der Zivilisation sein. Wenn wir es zulassen, befruchtet er unseren Geist, unser Wissen, die Literatur, die bildenden Künste und die Musik. Unser Leben wird durch den «Human Flow» bunter, er versetzt die Gesellschaft in Schwingung und macht sie insgesamt viel interessanter.

Aber in Ihrem Film beschreibt der «Human Flow» doch eine menschliche Tragödie.

Das stimmt. Aber wir haben versucht, uns nicht nur auf das Elend zu fokussieren, sondern auch die menschliche Dimension dabei zu zeigen.

Wenn der «Flow» in der Natur des Menschen liegt, setzt er sich dann letztendlich immer durch? Überwindet er alle Mauern und Zäune, die ihm entgegengestellt werden?

Ich denke schon. Der erste chinesische Kaiser Qin Shi Huang Di, der mächtigste Herrscher aller Zeiten, begann vor mehr als 2000 Jahren mit dem Bau der Chinesischen Mauer. Rein physisch gesehen ist sie bis heute ein mächtiges und beeindruckendes Bauwerk, doch sie hat zu keinem Zeitpunkt irgendeine Fremdinvasion verhindert. Ihre Bedeutung erschöpft sich mittlerweile in ihrem Dasein als Touristenattraktion. Sie steht für die Entschlossenheit des Herrschers, Leute auszusperren, doch diesen Zweck hat sie nie erfüllt. Heute haben wir einen neuen Herrscher in den USA, der glaubt mit einer Mauer die Migration aus Mexiko stoppen zu können. Doch das ist einfach nur lächerlich und bringt eine unglaublich rückschrittliche Denkweise zum Ausdruck.

Die allerdings von vielen US-Amerikanern geteilt wird.

Aber nicht von denen, die verstanden haben, was die Einzigartigkeit der USA ausmacht. Denn die Stärke und Besonderheit der USA resultieren aus dem Umstand, dass sie ein Gemisch der Völker und Kulturen sind. Die unglaubliche Macht, die sie im vergangenen Jahrhundert erlangt haben, basiert auf Prinzipien wie Toleranz, Akzeptanz und liberalem Denken. Doch nun senden die USA unfassbar negative Signale aus, die genau diese Werte und Errungenschaften infrage stellen.

Sie zeigen in Ihrem Film eindrücklich die Zustände, die 2016 im Flüchtlingslager Idomeni herrschten. Der Grenzzaun, der die Flüchtlinge dort stoppte, wurde von der deutschen Politik offiziell kritisiert, doch insgeheim war Berlin vermutlich froh. Denn wenn weiter so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wären wie 2015, hätte das der rechtspopulistischen AfD noch mehr Auftrieb gegeben. Die Erleichterung der Verantwortlichen in Deutschland ist nachvollziehbar, oder nicht?

Die angemessene Beurteilung der augenblicklichen politischen Situation ist meistens schwierig. Deutschland hat mit der Aufarbeitung seiner Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg moralischen Kredit erworben, doch die Aufnahme der vielen Flüchtlinge war nicht nur reine Menschenliebe. Denn Deutschland ist die treibende Kraft des europäischen Einheitsgedankens, und als solche hatte das Land kaum eine andere Möglichkeit, als die Flüchtlinge aufzunehmen. Denn sie waren schon in Europa. Griechenland und Italien waren an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit gekommen, und Europa war bei diesem Thema so gespalten, wie lange nicht mehr. Insofern war die Erleichterung in Deutschland nachvollziehbar, die Last nicht mehr weitgehend alleine schultern zu müssen, weil das viele politische Probleme nach sich zog. Doch das bedeutet nicht, dass aus einer grösseren historischen Perspektive heraus irgendetwas gewonnen war.

Was wäre aus Ihrer Sicht eine nachhaltige Lösung gewesen?

Zunächst hätte Europa das umsetzen sollen, worauf es sich in der EU verständigt hat: als Einheit aufzutreten. Doch das war nicht der Fall. Es wäre allerdings auch nicht fair, nur von Europa gemeinsames Handeln zu verlangen. Vielmehr richtet sich diese Forderung aus meiner Sicht an die ganze Welt: Die USA, China, alle Nationen sollten gemeinsam handeln. Sie sollten begreifen, dass die momentane Tragik, die dem «Human Flow» innewohnt, nicht sein müsste. Sie sollten den Mut und die Vision haben, zu sagen: «Heute im 21. Jahrhundert, mit unserem besseren Verständnis der Welt, mit unseren Ressourcen, können wir die Probleme im Zusammenhang mit der Migration lösen – sogar zu unser aller Nutzen.»

Aber ist das nicht utopisch? Wenn es uns Europäern schon nicht gelingt, gemeinsam zu handeln, wie soll globale Kooperation funktionieren?

Wir werden früher oder später einsehen müssen, dass es keine Alternative dazu gibt. Denn die Globalisierung ist ein Fakt. Und nach dem Ende des Kalten Krieges hat sich die im 20. Jahrhundert bestehende Weltordnung aufgelöst. Die Welt ist nicht mehr entweder sowjetisch oder westlich. Ausserdem zieht ja schon längst die ganze Welt Nutzen aus der Globalisierung: Deutsche Autohersteller investieren in China, der grösste Aktionär der Deutschen Bank ist ein chinesischer Konzern, die USA engagieren sich wirtschaftlich in China, China ist im Gegenzug der grösste Eigner von US-Staatsanleihen. Grenzen sind de facto also ein Schwindel. Sie halten nur arme Leute auf, aber für die Reichen und Mächtigen gibt es keine Grenzen.

Wäre es zu weit hergeholt, das Konzept von «Human Flow» mit Ihrer Installation «Sunflower Seeds» im Jahr 2010 zu vergleichen? Damals liessen Sie in der Londoner Tate-Galerie 100 Millionen handbemalte Sonnenblumenkerne aus Porzellan aufschütten. Jeder einzelne ein Unikat, aber durch die schiere Masse geriet der spezifische Charakter in den Hintergrund.

Ich sehe da auf jeden Fall Parallelen. Wir haben für «Human Flow» 900 Stunden Material gefilmt und Hunderte Interviews geführt. Wir waren in 40 Flüchtlingslagern mit einer riesigen Anzahl von Menschen. Doch je mehr wir von ihnen erfuhren, desto eindeutiger bildete sich eine bestimmte Textur heraus. Denn ihre individuellen Geschichten ähneln sich sehr und verbinden sich in ihrer gewaltigen Zahl zu einer einzigen Erzählung riesigen Ausmasses. Wir sollten versuchen, dieses Phänomen zu begreifen. Hier geht es nicht um einen einzelnen armen Kerl oder eine bedürftige Familie. Hier geht es um einen bedeutenden Vorgang in der Menschheitsgeschichte.

Ist das der Grund, warum die Flüchtlingsproblematik zu einem grossen Thema Ihrer künstlerischen Arbeit geworden ist? Oder liegt das vielleicht auch daran, dass Sie selbst ein Flüchtling sind?

Ich habe lange nicht darüber nachgedacht, dass ich selbst ein Vertriebener bin. Doch in letzter Zeit hat mich diese Frage tatsächlich beschäftigt. Und inzwischen glaube ich, dass das es eine gewisse Rolle für meine Arbeit spielt, dass ich ein Verstossener bin. Ich wurde in dem Jahr geboren, in dem mein Vater (der Maler und Dichter Ai Qing, Anm. d. Red.) im Rahmen der sogenannten Anti-Rechtsbewegung in den nordwestlichen Teil Chinas nahe der damaligen pakistanisch-sowjetischen Grenze verbannt wurde. Er musste die öffentlichen Toiletten putzen, die dort auf dem Land unglaublich primitiv waren – es gab da noch nicht mal Toilettenpapier und Wasser, sondern nur Matsch und Sand. Als ich aufwuchs, habe ich daher direkt miterlebt, wie es ist, wenn jemand misshandelt, verschleppt und täglich herabgewürdigt wird. Das ist also nichts Neues für mich und hat mich sicher geprägt.

Der «Guardian» schrieb über Ihren Film: «Die Kamera konfrontiert uns mit dem ungeheuren Ausmass der Flüchtlingskrise, nun ist es an uns, zu handeln.» Können Sie mir empfehlen, was etwa ich als kleine unbedeutende Einzelperson tun kann?

Angesichts der Ungeheuerlichkeit und der Komplexität dieses Problems fühle ich mich oft genug ohnmächtig. Ich habe mit vielen Flüchtlingen gesprochen, dann machte ich diesen Film, jetzt ist der Film fertig, und was tue ich jetzt? Ich habe das Gefühl, dass ich wieder mit leeren Händen dastehe. Doch dann sage ich mir: Eigentlich reicht es aus, immer wieder an die Flüchtlinge zu erinnern. Das, was sie am dringendsten brauchen, ist nicht Geld, sondern, dass sie als Menschen wahrgenommen werden. Diese Achtung vor ihnen kann in sehr Wenigem bestehen: eine kurze Meldung in den Nachrichten oder die Aufforderung an das eigene Kind: «Bitte, iss auf. Es gibt 65 Millionen Menschen, von denen viele heute Morgen kein Frühstück haben.» Wer keine Scham empfindet, wird Teil dieser Dunkelheit. Doch jeder kann eine Kerze anzünden.

© Alle Rechte vorbehalten Tages-Anzeiger. Zur Verfügung gestellt von Tages-Anzeiger Archiv
The Guardian, 06.12.2017

Von Peter Bradshaw

© Alle Rechte vorbehalten The Guardian. Zur Verfügung gestellt von The Guardian Archiv
"Ai Weiwei Drifting" (Dokumentation)
Eva Mehl, Bettina Kolb / Deutsche Welle
de / 22.06.2017 / 42‘31‘‘

Documentary on Ai Weiwei shooting the film
Eva Mehl, Bettina Kolb / Deutsche Welle
en / 20.06.2017 / 42‘26‘‘

Interview with Ai Weiwei
/ Build Series
en / 05.10.2017 / 30‘22‘‘

Artist Talk with Ai Weiwei
Von Chris Dercon / Haus der Kunst
en / 47‘30‘‘

Filmdateno

Genre
Dokumentarfilm
Länge
140 Min.
Originalsprachen
Englisch, Arabisch, Farsi, Französisch
Bewertungen
cccccccccc
IMDb6.9/10

Cast & Crewo

Boris Cheshirkov
Marin Din Kajdomcaj
Princess Dana Firas of Jordan
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Bonuso

iGefilmt
"Ai Weiwei Drifting" (Dokumentation)
Deutsche Welle, de , 42‘31‘‘
s
Documentary on Ai Weiwei shooting the film
Deutsche Welle, en , 42‘26‘‘
s
Interview with Ai Weiwei
Build Series, en , 30‘22‘‘
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gGeschrieben
Besprechung SRF
Britta Gfeller
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Besprechung Berner Zeitung
Pierre Hagmann
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Interview mit Ai Weiwei
Tages-Anzeiger / Paul Katzenberger
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Besprechung The Guardian
Peter Bradshaw
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hGesprochen
Artist Talk with Ai Weiwei
Haus der Kunst / en / 47‘30‘‘
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