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Thalasso

Guillaume Nicloux, Frankreich, 2019o

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Michel Houellebecq und Gérard Depardieu treffen sich auf einem Kuraufenthalt in Cabourg. Gemeinsam versuchen sie, das strikte Gesundheitsregime zu überstehen, das ihnen die Einrichtung auferlegt. Doch Michel ist immer noch im Kontakt mit seinen Entführern von damals, und bald beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. – Fortsetzung von Die Entführung des Michel Houellebecq

Gérard Depardieu und Michel Houellebecq spielen sich selbst in dieser Komödie, in der sie sich zufällig in einem Kurhotel treffen und allerlei Blödsinn anstellen.

N.N.

Guillaume Nicloux signe un film décalé sur la fin de vie, sur la vieillesse, sur la foi, sur la superstition, sur la résurrection des corps et les passions de l’âme qui accompagnent tous ses mouvements. Enthousiasmant au sens étymologique de "transport divin".

Laurent Garreau

Par son dispositif, Nicloux parvient à commenter sans lourdeur les deux mythes qu’il filme en les transformant en adolescents adeptes de l’école buissonnière et qui se planquent pour fumer, picoler, engloutir du pâté et déblatérer sur l’existence de Dieu.

Murielle Joudet

Galerieo

26.08.2019

Regisseur Guillaume Nicloux vereint in "Thalasso" den Schauspieler Gérard Depardieu mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq. Beide spielen im Film, der direkt an Nicloux' Vorgängerfilme anschließt, sich selbst. In der Posse haben Houellebecq und Depardieu bei den Dreharbeiten improvisiert - das ist schräg, funktioniert aber ganz gut.

Von Joseph Hanimann

Man muss sich fragen, was schlimmer ist für die Gesundheit, das Leben oder der Tod. Im Leben raucht oder trinkt man oft zu viel oder schadet sich auch sonst. Andererseits ist Totsein nicht gesund. Der Schriftsteller Michel Houellebecq hat sich nie besonders um sein körperliches Wohl gekümmert, weder im Leben noch in der Fiktion. Im Roman "Karte und Gebiet" ließ er sich mit dem Lasermesser den Kopf abschneiden. Im Film "Die Entführung des Michel Houellebecq" von Guillaume Nicloux spielte er vor fünf Jahren sein eigenes Verschwinden. Verdient erscheint also die Gesundheitskur, die er sich in dem gerade angelaufenen Film "Thalasso" am Normandie-Urlaubsort Cabourg gönnt, wiederum unter der Regie von Guillaume Nicloux.

Houellebecq im kuscheligen Bademantel, in der Schlammpackung dösend und immer mit diesem trostlosen Gott-hat-uns-verlassen-Gesicht vor dem Salatteller und dem Glas Wasser am Mittagstisch, ganz allein: Das klingt nicht nach Glück. "Haben Sie mal Feuer?", fragt er deshalb auf dem Strandweg einen Dickwanst. "Gérard Depardieu!", entfährt es ihm, wenn dieser sich umdreht. Im strengen Spa bilden die beiden dann bald eine vergnügte Leidensgemeinschaft mit hereingeschmuggelten Tropfen aus aller Welt.

Mit beiden Stars hat der Filmautor Nicloux schon Filme gemacht. In dieser schrägen Posse über den Zusammenhang von Körper- und Seelenwohl sind sie zum ersten Mal vereint. Der Film schließt unmittelbar an den vorherigen an. Das Entführungskommando aus "Die Entführung des Michel Houellebecq" sucht den Schriftsteller in seiner Thalasso-Kur auf, weil dieser während seiner Gefangenschaft einen Draht zur Mutter des Kommandochefs geknüpft hatte, die ihrem Mann nun mit einem jüngeren davongelaufen ist. Houellebecq soll sie zur Rückkehr bewegen.

Das Hauptgewicht liegt im Gegenüber der beiden Monster. Mit lockerem Griff zur Flasche improvisierten sie bei den Dreharbeiten munter drauflos. Und weil Depardieu ein grandioser Schauspieler, Houellebecq ein Naturtalent der skurrilen Selbststilisierung ist, funktioniert das weitgehend. Bei den Gesprächen in Depardieus Suite, auf dem Massagetisch oder im Rauchversteck geht es um Gott und die Welt. Houellebecq hängt an seiner Idee fest, als Kandidat für die nächste Präsidentschaftswahl anzutreten, um in Europa endlich eine echte Demokratie einzuführen. Gérard Depardieu möchte den Horizont erweitern und stellt die Frage nach Gott. Jedenfalls glaube er an die Wiederauferstehung der Toten, nuschelt Michel Houellebecq. Dann geschieht etwas Unerwartetes.

"Nun muss ich gleich heulen", fährt er fort und gesteht, er sei überzeugt, dass er dereinst seine Großmutter wieder in die Arme schließen könne. Dabei rollen ihm tatsächlich Tränen aus dem Auge. Die Tränen wirken echt. So kann man nicht spielen. Die Filmstelle ist ein Stück Wahrheit, das tief in die Seele des skeptischen Jenseitsträumers blicken lässt. Kein Wunder, dass dieser Moment nicht am erhabenen Ort des Bergs Sinai oder in einem Beichtstuhl, sondern in einem Thalasso-Hotel stattfindet. Für eine allfällige Wiederauferstehung muss auch für die Körperfitness gesorgt werden.

Die französischen Kritiker wirken unschlüssig und auch etwas ratlos bei dem Film. Amüsiert hat die meisten von ihnen der Wortwechsel zwischen den beiden querulierenden Kurgästen. Zweifelnd bleiben sie bei dem Sinn des Ganzen. Dieser falsche Dokumentarfilm sei der Versuch eines platonischen Dialogs in der poetischen Form des Absurden, mutmaßt einer von ihnen. Man könnte auch sagen: eine Wiedergeburt Laurels und Hardys aus dem Geist von Gesundbrunnen und Konversation.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
26.12.2018

Hinter dem animalischen Kraftkerl, als der Gérard Depardieu Karriere gemacht hat, stecken Sensibilität und Bildung.

In den vergangenen zehn Jahren hat der Schauspieler die Kraftmeierei zu einer Art System gemacht. In der Presse gilt er seitdem als lächerliche Figur. Am wichtigsten war Depardieu stets die Zusammenarbeit mit Freunden und Kollegen. Nun wird er 70 Jahre alt.

Von Fritz Göttler

Ich will nur, dass man mich liebt, sagt der junge Pariser Polizist Mangin, Gérard Depardieu, in dem Film "Police" von Maurice Pialat. Vielleicht ist das der große Drang, das geheime Movens, das jeden Kriminaler treibt, in jedem Kriminalfilm der Welt, durch den das Genre bestimmt ist, die Sehnsucht nach Liebe, die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Ausgeschlossensein. Es scheint jedenfalls die Figuren zu motivieren, die Depardieu auf der Leinwand verkörpert, mehr als zweihundert bislang.

Die Momente, mit denen er die Erzählungen von seiner Jugend bestückt, immer aufs Neue, passen dazu. Eine arme Familie, beengte Räumlichkeiten, Kerouac-Lektüre, Hehlereien, Gelegenheitsjobs, an der Côte d'Azur Sonnenschirme aufgestellt, mit zwei Nutten zusammengewohnt, in Paris schließlich wird er fürs Theater entdeckt. "In Paris verlor ich meine Sprache, machte nur noch Geräusche . . ." Er hat sie wiedergefunden durch die Klassiker, Corneille und Racine, mit denen sein algerischer Sprachlehrer ihn vertraut machte.

Der große Naive, der Naturbursche, der animalische Kraftkerl, als der Depardieu Karriere machte, ist ein synthetisches Geschöpf, da steckt durchaus Sensibilität darin und Bildung. Wir mussten ihm mit seiner Lust zur Provokation stets hinterher sein, erzählt Regisseur Bertrand Blier von den Dreharbeiten zu "Les Valseuses", dem ersten Erfolg von Depardieu, er trieb sich in den verrufensten Vierteln herum.

In den vergangenen zehn Jahren hat Depardieu die Kraftmeiereien zu einer Art System gemacht - exzessiver Weinkonsum, das Jammern über hohe Steuern, die Verachtung für die französischen Politiker, der Rückzug nach Russland, Putins Geschenk der russischen Staatsbürgerschaft. Man hat ihn in der Presse zur lächerlichen Figur erklärt, und das hat ihm mächtig Spaß gemacht. Zuletzt gab es Vorwürfe, er habe eine junge Kollegin vergewaltigt, die Depardieu energisch zurückwies. Depardieu, das Enfant terrible, in Lederjacke und auf dem Motorrad, er spielt diese Rolle virtuos. Schauspieler, sagt er, sind dazu autorisiert, Kinder zu sein. Und Regisseure haben Angst davor, Kinder zu sein. Daher brauchen sie die Schauspieler.

Wenn Depardieu in Truffauts "Die Frau nebenan" sich in Fanny Ardant verliebt, dann meint man dieses verzweifelt brennende Verlangen in sich selbst zu spüren.

Viele seiner Filme findet er Scheiße, aber wichtiger als der einzelne Film war ihm stets die Zusammenarbeit mit Freunden und Kollegen. Um 1980 herum hat er in einigen der wichtigsten französischen Filme gespielt, dreimal für Marguerite Duras, zweimal für Alain Resnais und François Truffaut und Maurice Pialat, auch in Peter Handkes "Die linkshändige Frau" war er dabei. Es war eine Übergangszeit im französischen Kino, die Nouvelle Vague, Depardieu löste Jean-Pierre Léaud ab, für den die Liebe immer etwas Spielerisches, fast Intellektuelles hatte. Wenn Depardieu in Truffauts "Die Frau nebenan" sich in Fanny Ardant verliebt, die Frau seines Nachbarn, dann meint man dieses verzweifelt brennende Verlangen in sich selbst zu spüren, und wenn er in Resnais' "Mein Onkel aus Amerika" von einem Konkurrenten im Büro und in der Ehe immer stärker auf Dutzendformat beschränkt wird, wird man beim Zuschauen von Beklemmung und Atemnot gepeinigt.

Keiner hat fürs Kino so viele große Figuren aus Geschichte und Literatur verkörpert wie Depardieu, lebenslustige, durchtriebene, fiese, sie seiner wuchtigen Leibesfülle angepasst. Rasputin und Stalin, Danton und Columbus, Rodin und Tartuffe, Balzac und Strauß-Kahn, Alexandre Dumas und viele seiner Figuren, D'Artagnan und Porthos und der Graf von Monte Cristo. 1990 durfte Depardieu den Cyrano de Bergerac spielen, den romantischen Haudegen, der mit einer unförmigen Nase ausgestattet ist und deshalb bei den Frauen wenig Erfolg hat. Aber wunderschöne poetische Briefe schreibt er für einen Freund, souffliert so einer Liebe, die er selber nicht leben darf. Depardieu kommt federleicht daher in dieser Rolle, die lange Nase verschiebt den Schwerpunkt seiner Gestalt. Er hätte den Oscar kriegen müssen für diese Rolle, war nominiert, aber dann kam kurz vor der Verleihung ein Artikel um Missbrauchsgeschichten in der Jugend. Und die Hollywood Academy machte, was sie noch immer gern tut, sie zog den Schwanz ein. Depardieu kam nie wieder in Betracht. Am heutigen Donnerstag wird er nun siebzig Jahre alt.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
Michel Houellebecq: Meister der Provokation
/ ARTE
de / 06.09.2018 / 4‘25‘‘

Ausführliches Interview mit Houellebecq
/ SRF Kultur
de / 02.01.2014 / 58‘12‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
Just Great DE
Just Great EN
Genre
Komödie
Länge
93 Min.
Originalsprache
Französisch
Bewertungen
cccccccccc
ØIhre Bewertung6.1/10
IMDB-User:
6.1 (406)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen

Cast & Crewo

Gérard Depardieu
Michel Houellebecq
Luc Schwarz
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Michel Houellebecq: Meister der Provokation
ARTE, de , 4‘25‘‘
s
Ausführliches Interview mit Houellebecq
SRF Kultur, de , 58‘12‘‘
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gGeschrieben
Besprechung Süddeutsche Zeitung
Joseph Hanimann
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Gérard Depardieu im Porträt
Süddeutsche Zeitung / Fritz Göttler
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