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Systemsprenger

Nora Fingscheidt, Deutschland, 2019o

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Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo die überdrehte Benni hinkommt, sie treibt mir ihren masslosen Wutausbrüchen alle an die Grenzen und fliegt bald wieder raus. Die Neunjährige ist das, was man in der Jugendfürsorge einen „Systemsprenger“ nennt. Als es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha sein Glück.

Nora Fingscheidts Langfilmdebut geht an die Nieren. Wir sehen Benni von aussen, wie sie ihr Umfeld mit ihrer wilden Energie begeistert und mit ihren Aggressionen in den Wahnsinn treibt. Wir bekommen aber auch ein Gefühl dafür, wie es in ihr aussehen muss, wenn sie rot sieht und mit Fäusten nach Liebe schreit. Der Film zeigt auf höchst eindrückliche Weise, was es bedeutet, nirgends auf der Welt seinen Platz zu finden.

Christine Lötscher

Systemsprenger von Nora Fingscheidt ist ein ungewöhnlich schöner Film über ein traumatisiertes Kind. Ungewöhnlich schön ist er trotz des harten Themas deswegen, weil er dicht bei seiner Hauptdarstellerin, Benni (Helena Zengel), bleibt, nie romantisiert, aber immer liebevoll auf sie schaut. Auf sie wohlgemerkt, nicht auf sie hinab, und dabei die Herausforderungen und Grauzonen im Leben ihrer Mitmenschen würdigt.

Juliane Liebert

Le 1er long-métrage de Nora Fingscheidt, un des quatre films en langue allemande en compétition à Berlin, place la barre haut : un film très fort sur la forme comme le fond.

Teresa Vena

Galerieo

17.09.2019
Hardcore-Härtefall

In ihrem Spielfilmdebüt "Systemsprenger" beleuchtet die Regisseurin Nora Fingerscheidt das Leben eines schwer traumatisierten Mädchens.

Von Juliane Liebert

Der zehnjährigen Benni wurde als kleinem Kind eine Windel ins Gesicht gepresst, bis sie beinahe erstickt ist. Seitdem darf niemand ihr Gesicht berühren, sonst tickt sie aus. Tickt nicht aus wie das Nachbarkind, wenn es keine Schokolade kriegt, sondern so, dass sie andere Kinder lebensgefährlich verletzt. Den Kopf ihres Ziehbruders auf die Eisfläche des Schlittschuhparks schlägt, bis er ins Krankenhaus muss. Ein Messer nimmt, allein in den Wald läuft, zerstört, um sich schlägt, alles vernichten will.

Zugleich ist sie ein Kind, das zärtlich und lustig ist, liebesbedürftig, abenteuerlustig. Das schuldlos ist an seiner Situation, dessen Augen leuchten, wenn es Geschenke bekommt. Das traurig ist, wenn die Mutter nicht zum Geburtstag kommt. Die Mutter kommt nicht, weil sie überfordert ist, noch zwei kleine Kinder hat, weil sie Angst hat. Auch die Institutionen kommen nicht mit Benni zurecht, sie müssen die anderen Kinder schützen, Plätze sind rar. Ihr Schulbegleiter muss sie nach Hause schicken, wenn sie vor seiner Tür auftaucht. Nach den schlimmsten Ausrastern landet Benni im Krankenhaus, ruhiggestellt in einem leeren Raum mit einer Glaswand. Die Augen glasig von Betäubungsmitteln. Sie ist zu jung für die Psychiatrie und zu schwierig für den Rest der Welt.

"Systemsprenger" hätte leicht ein Leidensporno werden können oder ein Exemplar der in Deutschland sehr beliebten Form des didaktischen Sozialproblemfilms mit anschließender Talkshowdiskussion. Das ist ein beliebtes Standardformat der Rundfunkanstalten. Es wird ein didaktischer Spielfilm produziert. Über Computerspielsucht. Islamismus. Demenz. Der wird um 20.15 Uhr gesendet. 90 Minuten. Anschließend ist Diskussionsrunde mit Prominenten und ein paar Alibiexperten. Gewöhnlich ist wenig, was im Rahmen eines solchen Formats suggeriert und gesagt wird, ganz falsch. Aber auch nichts wirklich richtig. Weil die Figuren der Filme nicht der Last entkommen, ein Problem zu repräsentieren. Weil dessen Rationalisierung von vornherein mitgedacht ist. Weil in den Diskussionsrunden fast immer nur Phrasen gedroschen werden und man sich auf Gemeinplätze einigt.

Glücklicherweise ist "Systemsprenger" kein solcher Film geworden. Das liegt am Mut der Regisseurin Nora Fingscheidt, Fragen offenzulassen. An der Ambivalenz und Leuchtkraft seiner Hauptfigur, beeindruckend dargestellt von Helena Zengel. Benni wird der Freiraum zugestanden, nicht nur ein Problem, sondern auch ein beeindruckend lebendiger Charakter zu sein. Letztlich verkörpert ein solches Kind ja eine wesentliche Energiequelle für Kunst. Alle Widersprüche sind in ihm vereint. Es kann für alles Gute stehen, aber auch zerstörerisch wirken. Kann jemand, der andere in Lebensgefahr bringt, der stiehlt und leidet und keinerlei Rücksicht nimmt, liebenswert sein? Wie lange versucht man, jemandem zu helfen, der gewalttätig, eine Last, gefährlich ist? Was ist mit denen, für die es keine Rettung gibt? Warum sind es gerade die, die dann oft am hellsten leuchten, sich der Welt verweigern, sich niemandem beugen? "Systemsprenger" erzählt nicht nur Bennis Geschichte, sondern auch die ihres Umfelds, das an ihr scheitert. Gegen Ende des Films läuft sie vor ihrem Schulbegleiter (Albrecht Schuch), der ihr Freund und einziger Vertrauter geworden ist, davon in ein Feld. Er ruft nach ihr, sie stoppt, die beiden sehen sich an. Man weiß, er könnte sie aufhalten, aber er tut es nicht. Kann er nicht verstehen, was sie ihm angetan hat, oder weiß er nur, dass es aussichtslos wäre, sie zu stoppen?

Kinder stehen von Anfang an im Wettbewerb und sollen funktionieren

Ein anderes weibliches Kind, das lange Rebellion verkörperte, ist Pippi Langstrumpf. Eine Figur, die in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen ist, denn unsere Gesellschaftsmoral verlangt "Compliance". Es gab mit der Reformpädagogik und dann noch mal seit den Sechzigerjahren eine Phase der Liberalisierung, in der Schule mehr Freiraum als Zuchtanstalt sein sollte. Heute ist sie zwar nicht mehr Zuchtanstalt, aber die Kinder stehen oft von Anfang an im Wettbewerb und sollen funktionieren. Jede Abweichung gilt als verdächtig. Wenn ein Kind in der Kita keinen Bock auf eine Ausmalaufgabe hat und stattdessen rumkrakelt, wird unter Umständen den Eltern empfohlen, es zur Ergotherapie zu schicken, um die Feinmotorik zu verbessern. Jede Abweichung wird pathologisiert. Gleichzeitig fehlt es wirklich an Ressourcen für die Hardcorefälle, wie sie in "Systemsprenger" dargestellt werden. Beide, Pippi und Benni, sprengen das System. Nur dass Zweitere keine Superkräfte hat, um sich aus dem Chaos zu retten. Sie erfriert einmal fast. Sie braucht Hilfe, die ihr niemand geben kann. Pippi ist die personifizierte konstruktive Anarchie. Sie erinnert immer daran, dass Rücksichtnahme, soziales Miteinander, Affektkontrolle, rationales Handeln eigentlich auch Zumutungen sind. Unverschämte Zumutungen. Auf die Benni wiederum angewiesen ist.

Beide erinnern sie an das anarchische Potenzial jedes Menschen. Und damit daran, dass es so was wie ein reibungsloses Zusammenleben nicht geben kann, solange Menschen Menschen und keine Roboter sein wollen. "Systemsprenger" ist ein sehr trauriger, aber auch ungewöhnlich schöner Film über ein traumatisiertes Kind. Ungewöhnlich schön ist er, weil er dicht bei seiner Hauptdarstellerin und ihrer Umwelt bleibt, nie romantisiert, aber immer liebevoll auf sie schaut. Auf sie wohlgemerkt, und nicht auf sie hinab. Manchmal sogar zu ihr aufblickt.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
07.02.2019
© Alle Rechte vorbehalten critic.de. Zur Verfügung gestellt von critic.de Archiv
18.09.2019
https://www.sueddeutsche.de/kultur/nora-fingscheidt-sytemsprenger-interview-1.4605464

Regisseurin Nora Fingscheidt über ihren Film "Systemsprenger" und dessen Oscar-Chancen.

Von Anke Sterneborg

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm wurde Nora Fingscheidt in den offiziellen Wettbewerb der Berlinale eingeladen und mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet, seitdem bekommt die 36-jährige Regisseurin für "Systemsprenger" einen Preis nach dem anderen. Zum Interview empfängt sie in der Hamburger Landesvertretung in Berlin.

SZ: Nach dem Erfolg auf der Berlinale wurde Ihr Debütspielfilm als deutsche Bewerbung um den Oscar für den besten internationalen Film ausgewählt. Ein gutes Gefühl für Sie, oder macht Ihnen diese Entscheidung eher Druck?

Nora Fingscheidt: Wir haben uns riesig über die Vorauswahl gefreut. Das war schon verrückt, mit einem Nachwuchsfilm! Was für eine Ehre. Andererseits ist es noch ein langer Weg. Da werden um die 90 Filme eingereicht, darunter der gefeierte Cannes-Gewinner "Parasite" aus Südkorea und Pedro Almodóvar mit "Leid und Herrlichkeit". Und nur fünf kommen in die Endauswahl. Da muss man schon mal ganz realistisch den Ball flach halten. Insofern sehen wir der Sache entspannt entgegen.

Eine Weltpremiere auf der Berlinale kann speziell für deutsche Regisseure sehr hart sein, weil die in ihrer Heimat natürlich unter besonderer Beobachtung stehen, darunter haben schon viele Kollegen gelitten. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Unser Film war ja erst drei Tage vor der Premiere im Februar fertig, das heißt, ich hatte glücklicherweise überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich habe mir am Tag vor der Premiere noch das Kleid und die Schuhe dazu organisiert, mithilfe unserer Kostümbildnerin, die mir nachts noch einen Gürtel genäht hat. Ich war überhaupt nicht vorbereitet. Wäre ich mir des Risikos bewusst gewesen, dann hätte ich mir vielleicht mehr Sorgen gemacht.

Am Anfang stand die Idee, eine Geschichte über ein wütendes Mädchen zu erzählen. Wie kamen Sie dazu?

So ein wildes Mädchen habe ich im Kino immer vermisst. Sicher, es gibt Pippi Langstrumpf, aber die ist ja noch niedlich und moralisch immer auf der richtigen Seite. Sonst gibt es vor allem hübsche Mädchen, die die Welt immer nur beobachten. Schon seit ich angefangen habe, Filme zu machen, galt: Ich wollte immer eine richtig wütende und krasse Heldin, hatte aber keine Geschichte dafür. Materialisiert hat sich das dann viele Jahre später bei einem Dokumentarfilmdreh für die Caritas, in einem Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart. Da zog ein vierzehnjähriges Mädchen ein, und als ich die Sozialarbeiterin fragte, wie das sein kann, meinte sie, das sind die Systemsprenger, die am 14. Geburtstag zu uns kommen. In diesem Moment verband sich das wilde Kind, das immer an meiner Seite war, mit etwas, das auch gesellschaftlich relevant ist.

Wie haben Sie Film als Beruf entdeckt?

Gute Frage, so einen konkreten Startpunkt gab es da gar nicht. Filme haben mich extrem beeindruckt, und danach hatte ich oft das Bedürfnis, irgendwas an den Geschichten zu ändern. Nach "Titanic" kam ich aus dem Kino raus und wollte den Film noch mal drehen, damit Jack überlebt. Und das ging mir bei vielen Filmen so. Irgendwann hab ich dann im Internet recherchiert, wie man eigentlich Regisseurin werden kann.

"Systemsprenger" hat starke Wurzeln im Dokumentarischen, ist aber auch mit großem Stilwillen und visueller Kraft inszeniert: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität im Film?

Mein Herz schlägt für den Spielfilm, das waren immer die Filme, die mich am meisten beeindruckt haben. Doch neben dem Studium Spielfilmregie in Ludwigsburg habe ich auch angefangen, Dokumentationen zu drehen. Das Dokumentarische ist etwas, das mich sehr fasziniert, weil die Realität so wunderschöne Überraschungen, Momente und Magie hat, die man sich gar nicht ausdenken kann. Aber "Systemsprenger" musste für mich ganz klar ein Spielfilm sein, damit man verdichten und manipulieren kann. Der Film kommt dokumentarisch daher, mit zum Teil improvisierten Szenen, aber die Wirklichkeit ist fiktional vereinfacht, damit der Zuschauer folgen kann und emotional dranbleibt. Mir war wichtig, dass sie nicht in der Pubertät ist, keinen Migrationshintergrund hat, nicht aus einer Plattenbausiedlung kommt, damit die Problematik nicht sofort in irgendeiner Form eingetütet werden kann.

Alle scheitern an diesem aggressiven Mädchen, doch es scheint Ihnen nicht darum zu gehen, das System anzuprangern ...

Der Ursprung des Films liegt in meiner Liebe für extreme Außenseiter, für radikale Persönlichkeiten. Menschen mit einer gewissen destruktiven oder autoaggressiven Energie haben mich schon als Kind fasziniert. Natürlich dachte ich anfangs, dass das System versagt. Doch bei meinen Recherchen habe ich immer nur Leute getroffen, die mit guten Intentionen in diesen Beruf gegangen sind. Aber es gibt viele, die aufgrund der Arbeitsumstände nicht das machen können, was sie eigentlich wollen, nämlich den Kindern helfen. Kinderheim und Kinderpsychiatrie sind Tabuthemen, wenn nur das Wort fällt, zucken die Leute schon zusammen. Kinder sollen glücklich sein und spielen, Psychiatrie ist etwas für Erwachsene. Trotzdem haben die Kinderpsychiatrien, die jede größere Stadt hat, rammelvolle Wartelisten. Niemand weiß davon, nur die Leute, die da arbeiten. Das sind Dinge, die mich interessieren, wo ich mal den Finger reinlegen will, auch wenn das nicht meine Ursprungsmotivation ist.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
Variety, 07.02.2019
© Alle Rechte vorbehalten Variety. Zur Verfügung gestellt von Variety Archiv
Interview with director Nora Fingscheidt
Sarah Bradbury / The Upcoming
en / 09.02.2019 / 8‘04‘‘

Vortrag: Kinder, die Systeme sprengen
Menno Baumann / Netzwerk Welt der Kinder
de / 12.03.2019 / 30‘04‘‘

Dokumentation: Jugendliche unter Druck – In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
/ SRF
de / 11.04.2019 / 49‘43‘‘

Pädagoge Menno Baumann über "Systemsprenger"
Von Axel Rahmlow / Deutschlandfunk
de / 8‘09‘‘

Filmdateno

Synchrontitel
Benni FR
System Crasher EN
Genre
Drama
Länge
118 Min.
Originalsprache
Deutsch
Wichtige Auszeichnungen
Deutscher Filmpreis 2020: Bester Spielfilm, Beste Regie | Berlinale 2019 : Alfred Bauer Preis
Bewertungen
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ØIhre Bewertung7.6/10
IMDB-User:
7.9 (6466)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
6.8 (5) q

Cast & Crewo

Helena ZengelBenni
Gabriela Maria SchmeideJugendamtbeamtin
Albrecht SchuchAnti-Gewalt-Trainer
MEHR>

Bonuso

iGefilmt
Interview with director Nora Fingscheidt
The Upcoming, en , 8‘04‘‘
s
Vortrag: Kinder, die Systeme sprengen
Netzwerk Welt der Kinder, de , 30‘04‘‘
s
Dokumentation: Jugendliche unter Druck – In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
SRF, de , 49‘43‘‘
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gGeschrieben
Besprechung Süddeutsche Zeitung
Juliane Liebert
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Besprechung critic.de
Olga Baruk
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Interview mit Regisseurin Nora Fingscheidt
Süddeutsche Zeitung / Anke Sterneborg
s
Besprechung Variety
Jay Weissberg
s
hGesprochen
Pädagoge Menno Baumann über "Systemsprenger"
Deutschlandfunk / de / 8‘09‘‘
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